Volle Kraft ins Saatgut

„Regionaler als Rüben­zucker lässt sich kaum ein Agrarprodukt erzeugen“

Als Blattfrucht und Sommerung passen Rüben in die politische Landschaft. Sie erweitern enge Getreidefruchtfolgen. Foto: KWS / Paul Epp

“Wir müssen es schaffen, die Kommunikation zur Bevölkerung zu verbessern.”

Dr. Peter Hofmann ist überzeugt, dass gesündere Sorten und technischer Fortschritt helfen, den Bedarf an Pflanzenschutzmitteln zu senken. Foto: KWS / Stefan Kimmel

KWS züchtet seit 165 Jahren Zuckerrüben. Warum diese Kultur eine der Säulen des Einbecker Saatgutunternehmens bleiben wird, erläutert das für die Zuckerrübe verantwortliche Vorstandsmitglied Dr. Peter Hofmann.

agrarzeitung: Pflanzenzüchter denken in langen Zeiträumen. Wird es in 25 Jahren noch Zuckerrüben in Deutschland geben?

Dr. Peter Hofmann: Selbstverständlich. Zuckerrüben entsprechen doch ideal den agrarpolitischen Zielvorgaben: Sie brauchen heute schon relativ wenig Pflanzenschutz und die Aufwandmengen werden weiter sinken. Die Stickstoffeffizienz ist heute schon hervorragend und sie wird dank uns noch besser. Hinzu kommen die Vorteile von Zuckerrüben im gesamten Ackerbau. Als Blattfrucht und Sommerung erlauben sie die politisch gewünschte Erweiterung enger Wintergetreidefruchtfolgen. Und bei den Deckungsbeiträgen stehen sie nach wie vor gut da.

Probleme mit dem Pflanzenschutz haben Zuckerrüben aber auch. Herbizidwirkstoffe entfallen kontinuierlich und neue kommen nicht nach.

Wir werden Alternativen finden: Zum Beispiel sind die Fortschritte in der mechanischen Unkrautbekämpfung sehr groß. Zurzeit testen wir innovative Robotersysteme, die langfristig einen wichtigen Beitrag in der Bekämpfung von Unkräutern bei Zuckerrüben leisten können. Da können wir uns viel auch von den ökologisch wirtschaftenden Betrieben abschauen. Ich glaube, das Problem lässt sich schon bald mit einem geringeren Herbizideinsatz lösen.

Kopfzerbrechen bereiten den Rübenerzeugern die tierischen Schädlinge. Die Blattläuse lassen sich nur schwer eindämmen. Mit dem Klimawandel kommen neue Schaderreger hinzu.

Das heißt, dass wir Züchter viel Arbeit haben. Resistenzzüchtung braucht aber Zeit, und die sollte uns die Politik auch lassen.

Wie meinen Sie das?

Die Politik folgt dem gesellschaftlichen Willen, und das ist gut so. Ich halte es allerdings für falsch, wenn Wirkstoffe wie die Neonicotinoide pauschal von heute auf morgen verboten werden. Im Zuckerrübenanbau, wo die Pflanzen gar nicht zur Blüte kommen, bestand für das Verbot keine unmittelbare Not. Ohne den Beizschutz haben sich Blattläuse ausgebreitet, die Vergilbungsviren übertragen. Seit dem Verbot der Neonicotinoide haben die Landwirte einen deutlichen Ertragsrückgang und müssen nun mehr Chemie einsetzen, um die Blattläuse zu bekämpfen. Wir brauchen ausreichende Übergangsfristen, um sinnvolle und verträgliche Alternativen zu entwickeln.

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Hat KWS denn Lösungen gegen die Viren parat?

KWS hat bis Mitte der 1990er Jahre an Resistenzen gegen Vergilbungsviren geforscht. Als jedoch die Beizen mit Neo­nicotinoiden eingeführt wurden, war dafür kein Bedarf mehr vorhanden. Seit einigen Jahren haben wir das Zuchtprogramm jedoch wieder aufgenommen und die erste Sorte hat bereits eine Zulassung. Wir sind also auf einem guten Weg.

Pilzkrankheiten nehmen in Zuckerrüben ebenfalls zu. Was hat die KWS in der Schublade? Für die Blattkrankheit Cercospora bieten wir den Landwirten schon in diesem Jahr einen echten Zuchtfortschritt. Das Bundessortenamt hat zwei unserer neuen ‚CR+‘-Sorten zugelassen, die weniger anfällig gegenüber Cercospora sind. Und das, ohne Ertragsdepressionen zu zeigen. Das Beispiel zeigt auch, wie vorausschauend und zukunftsorientiert wir in der Züchtung arbeiten müssen. Seit 50 Jahren arbeitet KWS an Resistenzen gegen Cercospora. Bislang war die Eigenschaft aber so stark mit Ertragsdepressionen gekoppelt, dass die Sorten nur in Befallsjahren ihre Vorteile ausspielen konnten. Da sich solche Befallsjahre nicht prognostizieren lassen, war die Sortenwahl für den Landwirt immer eine Lotterie. Das ist jetzt mit unseren ‚CR+‘-Sorten anders. Mit welchen weiteren Resistenzen können Landwirte rechnen? Wir sind doch schon sehr weit! Für alle wichtigen Krankheiten – Rizomania, Nematoden und Cercospora – bietet KWS inzwischen leistungsstarke, tolerante Sorten an. Sorten mit Toleranz gegenüber der Virösen Vergilbung bei guter Leistung gehen jetzt in die Sortenprüfungen und sind in wenigen Jahren marktreif. Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung für SBR, einer bakteriellen Krankheit, die durch Zikaden übertragen wird und sich im Süden Deutschlands stark ausbreitet.

Zur Person: Dr. Peter Hofmann

Dr. Peter Hofmann (geb. 1960), seit 2014 Mitglied des KWS-Vorstands verantwortet die Ressorts Zuckerrübe, Mais Europa sowie das globale Marketing und die globale Kommunikation. Er studierte in Hohenheim Agrarwissenschaften mit Vertiefung in der Pflanzenzüchtung und Phytomedizin und promovierte auf dem Gebiet der Saatgutphysiologie. Für die KWS-Gruppe ist Hofmann seit 1994 in verschiedenen Führungspositionen des internationalen Vertriebs von Zuckerrübensaatgut tätig.

Schauen wir auf den Weltmarkt. Wird Zuckerrohr nicht auf Dauer die Rübe verdrängen? Warum sollen wir denn in Europa Rohrzucker importieren, wenn bei uns erfolgreich Rüben angebaut werden können? Im jüngsten Ernährungsreport von Ministerin Julia Klöckner haben 82 Prozent der Deutschen angegeben, dass sie regionale Lebensmittel bevorzugen. Regionaler als der Rübenzucker lässt sich kaum ein Agrarprodukt erzeugen. Der Ruf des Rübenzuckers ist aber nicht allzu gut. Das ist wirklich ein Drama. Ich war kürzlich in einem Bio-Supermarkt in Berlin, ich brauchte ein Päckchen Haushaltszucker. Die haben ein ganzes Regal voller Zuckerprodukte – auf Basis von Agavendicksaft, Kokosblüten, Reissirup oder Zuckerrohr, also alles äußerst exotische Rohstoffe, die über Tausende von Kilometern transportiert und zum Teil noch aufwendig verarbeitet werden. Der Biorüben-Zucker aus der rund 150 Kilometer entfernten Zuckerfabrik in Klein Wanzleben, erzeugt aus Rüben, die regional gewachsen sind, befindet sich in dem Berliner Laden übrigens ganz unten im Regal. Transparent verpackt, damit das Kristallweiß deutlich zu sehen ist und ihn gleich als ‚raffinierten Industriezucker‘ identifiziert. Wie kann sich denn aus Ihrer Sicht die deutsche Landwirtschaft positionieren? Wir müssen es schaffen, die Kommunikation zur Bevölkerung zu verbessern. Denn die Landwirtschaft tut viel, um die gesellschaftlich geforderten Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen. Dazu gehört die Reduktion des chemischen Pflanzenschutzes, die Erweiterung des Kulturartenspektrums und – für die Betriebe, wo es passt – die Umstellung auf Ökoerzeugung. Für uns Züchter ist das eine ‚ideale Spielwiese‘. Und besonders für KWS. Als reines Saatgutunternehmen können wir uns voll auf die Züchtung gesunder Pflanzen konzentrieren und stehen nicht – wie einige Wettbewerber – im internen Wettbewerb mit Pflanzenschutzmitteln. Die familiengeprägte Eigentümerstruktur erlaubt uns einen langen Atem und die Möglichkeit, auch in langfristige Entwicklungsprojekte zu investieren. Wir haben schon heute eine Vielzahl von Ackerbaukulturen im Portfolio und haben bewiesen, dass wir Spezialkulturen wie Zuckerrübe, Roggen oder Silomais wettbewerbsfähig machen. Und wir beschäftigen uns schon seit Jahrzehnten mit Ökosaatgut. Wo wird die KWS in 25 Jahren stehen? Wir sind weiterhin unabhängig und familiengeprägt. Der Generationswechsel bei den Familieneigentümern hat gerade stattgefunden und ist zukunftsfähig. Unser Stammsitz ist nach wie vor in Einbeck, Europa wird ein wichtiger Absatzmarkt für uns sein und KWS wird wie schon heute alle wichtigen Ackerbaukulturen anbieten. Ich bin sicher, dass dann Kartoffeln gesät statt gepflanzt werden, denn unser Hybridkartoffel-Projekt macht große Fortschritte. Und wir werden in 25 Jahren ein bedeutender Züchter für Gemüsesaatgut sein. Die starke Innovationskraft wird uns nach wie vor prägen. Ich glaube aber auch an gesellschaftliche Veränderung. Ich hoffe, dass die jetzt heranwachsende Generation aufgeschlossener für wissenschaftlich breit getestete Methoden sein wird. Dann können Pflanzenzüchter Verfahren wie Genome Edi­ting anwenden, um Pflanzen in sehr viel kürzerer Zeit ertragreicher, robuster und nährstoffeffizienter zu machen.

Interview: Dagmar Behme

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