Reduktion trifft Präzision

„Bei Pflanzenschutz dominiert Wertwachstum“

Peter R. Müller ist ­Geschäftsführer der Bayer Crop Science Deutschland GmbH. Foto: Bayer

Die Bayer-Crop-Science-Manager Frank Terhorst und Peter R. Müller erwarten hohe Akzeptanz für Crispr/Cas und den Siegeszug der punktgenauen Ausbringung von Betriebsmitteln.

Eines dürfte sich auch bis 2046 nicht geändert haben: Asien, Lateinamerika und Nordamerika sind auch dann innovationsfreundlicher in der Landwirtschaft als die europäische Union. Molekulare Züchtungstechnologien wie Crispr/Cas werden aber aufgrund ihres Beitrags zur Nachhaltigkeit nicht aufzuhalten sein und selbst in Nordeuropa den breiten Anbau von Soja ermöglichen, erwarten die Crop-Science-Topmanager.

agrarzeitung: Wir schreiben das Jahr 2046. Mal angenommen, die EU-Kommission hat die Farm-to-Fork-Strategie umgesetzt und die Reduktion der Ausbringung von chemischem Pflanzenschutz um 50 Prozent ist Pflicht: Wie reagiert Bayer Crop Science darauf? Frank Terhorst: Wir sind überzeugt davon, dass die EU-Kommission ihr Ziel der Reduktion von chemischen Pflanzenschutzmitteln weiterverfolgen wird und richten uns strategisch darauf ein. Wir werden unseren Kunden auch weiterhin Lösungen anbieten, die diese Ziele unterstützen und sowohl die Volumina von Pflanzenschutzmitteln auf dem Acker als auch den Umwelteinfluss weiter reduzieren. Ohnehin haben wir uns vorgenommen, die Umweltbelastung unserer Pflanzenschutzmittel um 30 Prozent bis zum Jahr 2030 zu reduzieren.

Wie können Landwirte mit weniger Pflanzenschutzmitteln trotzdem eine wirksame Bestandspflege leisten? Terhorst: Dabei wird das Thema Digitalisierung eine enorm wichtige Rolle spielen, denn es wird Landwirtinnen und Landwirte in die Lage versetzen, chemischen und biologischen Pflanzenschutz gezielter auf den Acker zu bringen. Und zwar dort, wo er sinnvollerweise benötigt wird. Dies verlangt aber gleichzeitig, dass unsere Kunden sich darauf verlassen können, dass unsere digitalen Systeme – man denke etwa an Präzisionsapplikationskarten für die Unkrautregulierung oder Prognosemodelle für Fungizid-Applikationen – eine verlässliche Verfügbarkeit vom richtigen Produkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort ermöglichen.

Auf welchen Märkten weltweit wird chemischer Pflanzenschutz bis 2046 noch Wachstum erleben? Terhorst: Hier müssen wir zwischen Volumen- und Wertwachstum unterscheiden. In weiten Teilen der Welt werden wir ein Wertwachstum, getrieben durch Innovation und Digitalisierung in der Landwirtschaft, sehen. So wird die ausgebrachte Menge bei neuen Produkten im Vergleich zu den Vorjahren reduziert werden. Die Präzision der Applikation, zum großen Teil ermöglicht durch die Digitalisierung, wird ebenfalls dazu beitragen, die ausgebrachten Mengen zu reduzieren. Man denke an die Herbizide, wo uns die zielgenaue Applikation die Behandlung von einzelnen Unkrautpflanzen im Vergleich zur heutigen breitflächigen Applikation ermöglicht und so Mengen spart.

Mengenwachstum ist also in 25 Jahren Geschichte? Terhorst: Nein, es wird gleichzeitig Wachstumsmärkte geben, wie zum Beispiel in Asien oder Lateinamerika, wo bestimmte Pflanzenschutzmittel in bestimmten Kulturen auch Volumenwachstum sehen werden. Kerntreiber sind hier, dass dort bisher entweder Ernten zu wenig geschützt worden sind oder sich mit neuen Applikationsmethoden und Digitalisierung neue Anwendungsmöglichkeiten ergeben.

Wie wird im Jahr 2046 der Anteil der Ökobetriebe gegenüber konventionellen Betrieben am deutschen Markt aussehen? Peter R. Müller: Bis zum Jahr 2046 haben wir diese dogmatische Debatte von heute, ob nun die konventionelle oder die ökologische Bewirtschaftung die bessere ist, hoffentlich schon längst hinter uns gelassen. Vor dem Hintergrund einer weiter gestiegenen Weltbevölkerung, klimatischer Veränderungen und der Knappheit der Ressource Boden als Grundlage für landwirtschaftliche Produktion und Standort für Biodiversität sollte eine moderne und nachhaltige Landwirtschaft zum Gradmesser geworden sein. Zulassung und Akzeptanz von Innovationen sind dabei ein wichtiger Schlüssel.

Frank Terhorst ist Mitglied im Executive Leadership Team und Head of Crop Strategy & Portfolio Management der Division Crop Science von Bayer. Foto: Bayer

Global betrachtet: Welche Märkte werden für Bayer Crop Science bis 2046 an Bedeutung gewinnen, welche tendenziell verlieren? Terhorst: Wir sind bestrebt, unseren Kunden überall auf der Welt mit innovativen Lösungen zu dienen und gleichzeitig mitzuhelfen, den gesellschaftlichen Anforderungen zu entsprechen. Wir werden jedoch auch sehen, dass es unter den regulatorisch immer schwieriger werdenden Bedingungen in manchen Teilen der Welt, wie zum Beispiel in der EU und dort insbesondere in Deutschland, zu einer anderen Breite von Lösungsangeboten kommen wird, da es schlichtweg weniger Optionen geben wird, Innovationen auf den Markt zu bringen. Das betrifft nicht nur den Pflanzenschutz, sondern auch bestimmte Züchtungsmethoden. Die Landwirtschaft spielt in anderen Regionen eine wichtigere Rolle für die Gesamtwirtschaft als bei uns, beispielsweise in Asien, Lateinamerika und auch Nordamerika, und wir sehen dort auch mehr Akzeptanz und Offenheit für technologische Innovationen in der Landwirtschaft.

Wie schätzen Sie die Verbreitung und Akzeptanz von neuen, molekularen Züchtungsmethoden auf dem EU-Markt bis 2046 ein? Müller: Wir beobachten aktuell, dass die Zustimmung gegenüber neuen Züchtungsmethoden zunimmt, national und auf europäischer Ebene. Außerhalb der EU sind die Widerstände ohnehin geringer. Der Dialog über gentechnische Verfahren wird also zunehmend offener geführt. Eine Riege junger Wissenschaftler tritt sehr offensiv für Züchtungsvarianten wie Crispr/Cas ein. Selbst bedeutende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Biobereich, wie beispielsweise Urs Niggli, sehen in gentechnischen Züchtungsansätzen große Möglichkeiten und die Lösung für den Fortschrittsstillstand im Bio-Landbau. Auch wenn Teile der Politik die Mauer zur modernen Züchtung hochzuhalten versuchen, sind diese innovativen Ansätze nicht mehr aufzuhalten, weil sie als Baustein einer nachhaltigen Landwirtschaft elementar sind.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels: Welche Kulturen werden in Deutschland 2046 vorwiegend angebaut, wie steuert Bayer Crop Science sein Portfolio daraufhin aus? Müller: Getreide wird die wichtigste Kultur bleiben, und hier vor allem der Winterweizen. Mehr Handlungsoptionen beim Einsatz innovativer Betriebsmittel werden wieder weitere Fruchtfolgen mit mehr Vielfalt ermöglichen. So wird unter anderem Resistenzen besser begegnet und das Leitbild des integrierten Pflanzenbaus wird auf den Betrieben gelebt. Neuzüchtungen in Verbindung mit Genome Editing erlauben inzwischen den Anbau von Soja selbst in norddeutschen Regionen. Diese Kultur wird sich sicherlich weiter ausdehnen. Von unserer Expertise bei Soja werden unsere Kunden hierzulande profitieren. Der Mais wird als Sommerkultur und als Futterpflanze wichtig bleiben. Hier sehen wir auch noch viel Ertragspotenzial, das mithilfe digitaler Anbaumethoden weiter ausgebaut werden kann.

Interview: Stefanie Pionke

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“Eine moderne und nachhaltige Landwirtschaft ist zum Gradmesser geworden.”