Veggie-Wurst statt Schweinekotelett

Vom Geiz ist geil zum bewussten Genuss

Der Wurstwaren-Hersteller Rügenwälder Mühle hat mit seinen vegetarischen und veganen Produktlinien bereits in den 2010er Jahren auf einen wachsenden Trend gesetzt. Foto: IMAGO/Joerg Boething

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Wer 2046 preisgünstige Wurst aus echtem Fleisch im Supermarkt sucht, der wird wohl nur schwer fündig werden. Denn Wurstprodukte werden vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen deutlich mehr kosten, als es heute noch der Fall ist. Dafür gibt es eine Vielzahl an fleischlosen Ersatzprodukten, die sich von ihren einstigen Vorgängern kaum noch unterscheiden. In den sozialen Medien wird sich die alternde Generation fragen, wer sich noch an sein erstes Steak aus dem 3-D-Drucker erinnern kann und wo er es gegessen hat. Ein Zukunftsszenario mit realen Wurzeln.

Grillen ist in den Sommermonaten auch im Jahr 2046 noch eine Hauptbeschäftigung der Deutschen. Doch auf den Rosten wird deutlich mehr Gemüse sowie Wurst aus Ei und Proteinen liegen. Die Geschmacksnerven der hiesigen Verbraucher werden sich daran weitgehend gewöhnt haben. Regionale Metzgereien mit einem breiten Angebot wird es nur noch selten geben. Die, die überlebt haben, werden verstärkt online ihre hochwertigen Waren feilbieten und an den Kunden versenden. Wer echte Leberwurst im Glas aus der natürlich-edel anmutenden Holzkiste auspackt, schwelgt in Nostalgie und gönnt sich etwas ganz Besonderes. Landwirte werden zudem ihr Fleisch verstärkt direkt vermarkten, damit die Wertschöpfung auf den Höfen bleibt. Ställe mit „Schaufenster“ werden den Verbrauchern Einblick in die Haltung und gutes Gewissen zugleich geben.

Vom Großbetrieb nach Asien

Auch große Mastbetriebe gibt es noch. Doch deren Fleisch geht meist direkt in den Export nach China und Asien, weil es hierzulande nur noch wenig Nachfrage gibt. Denn bereits in der Grundschule werden Kinder mit Billig-Mortadella auf dem Pausenbrot mahnend von den Lehrern angesprochen, so wie früher, wenn man Stullen mit Nussnougatcreme mit zur Schule brachte. Begonnen hat dieser Umbruch in den 2010er Jahren, als fleischlose Ernährung in die Mitte der Gesellschaft rückte. Auch der bewusste Konsum von echtem Fleisch wurde vielen Verbrauchern zu dieser Zeit immer wichtiger. Dabei ging es um weit mehr als um die Ablehnung dessen, dass Tiere für unsere Ernährung getötet werden müssen. Auch die Umstände der Tierhaltung sowie deren Einfluss auf unsere Umwelt wurden von Medien und Verbrauchern kritischer hinterfragt.

Klassischer Wurstproduzent als Pionier

Kurios war an dieser Stelle, dass ein einst klassischer Wurstproduzent und Traditionsunternehmen den Siegeszug der Veggie-Wurst vorantrieb und nicht etwa ein modernes Start-up. Das Unternehmen Rügenwalder mit der roten Mühle im Markenlogo erweiterte ab 2014 sein Sortiment um vegetarische und vegane Produkte und konnte sich sieben Jahre später im Jahr 2021 mit 40 Prozent Marktanteil als Marktführer für vegetarische und vegane Fleisch- und Wurstalternativen bezeichnen. Das Unternehmen setzte somit frühzeitig darauf, dass das Thema fleischfreie Ernährung aus der Nische in die Mitte der Gesellschaft rückt. Der Markt wuchs in den 2010er Jahren äußerst dynamisch. So konnte Rügenwalder den Umsatz mit vegetarischen und veganen Produkten 2020 um rund 73 Prozent steigern. „Wir erwarten, dass sich das Wachstum auch in den kommenden Jahren weiter fortsetzt. Aktuelle Marktforschung und Branchenkennzahlen bestätigen diese Entwicklung, da sich immer mehr Menschen aus verschiedenen Gründen dafür entscheiden, weniger Fleisch und Wurst zu essen“, sagte Claudia Hauschild, Leiterin Unternehmenskommunikation von Rügenwalder, im Jahr 2021 gegenüber der agrarzeitung (az) in einem Interview.

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Megatrend Neo-Ökologie

Bereits damals ernährten sich beispielsweise schon doppelt so viele 15- bis 29-Jährige vegetarisch oder vegan im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung, so Daten aus dem Fleischatlas 2021 der Heinrich-Böll-Stiftung. Rügenwalder setzte darauf, dass Themen wie die individuelle und kollektive Gesundheit und der Megatrend Neo-Ökologie vor dem Hintergrund des Klimawandels weiter an Bedeutung zulegen würden. Als eine große Herausforderung sah das Unternehmen schon damals die Rohstoffe in Hinblick auf ihre Verfügbarkeit, Qualität und Herkunft. „Als deutsches Familienunternehmen bemühen wir uns stets um Regionalität im Anbau und der anschließenden Verarbeitung, doch hier sind uns aus verschiedenen Gründen auch Grenzen gesetzt“, so Hauschild damals im Interview. Europäische Hersteller von Sojaproteinen standen damals noch sehr stark am Anfang, verglichen mit beispielsweise den USA, wo Soja seit vielen Jahren eine große Rolle spielte und die Verarbeiter sehr viel mehr Know-how aufgebaut hatten. „Bei EU-Soja müssen wir viel Zeit investieren, um eine gleichwertige Qualität zu bekommen. Derzeit wagen wir ja beispielsweise erste Schritte im eigenen Sojaanbau. So haben wir die Anbauflächen unseres letztjährigen Pilotprojektes ‚Soja made in Germany‘ in diesem Jahr verdoppelt“, so Hauschild damals.

Europäische Ressourcen fördern

Aber auch bei der Weiterverarbeitung machte das Unternehmen die Erfahrung, „dass es da in Deutschland, offen gesprochen, noch sehr viel Luft nach oben gibt“. Gerade was die pflanzlichen Proteine angehe, werde die Nachfrage in den kommenden Jahren weltweit nochmals stark anziehen, war man sich bei Rügenwalder sicher. „Hier ist eine Zusammenarbeit von Politik und Landwirtschaft notwendig, um die nationalen beziehungsweise europäischen Ressourcen in Bezug auf die Rohstoffe und deren Verarbeitung zu fördern – Stichwort Agrarwende –, um uns unabhängiger zu machen“, so Hauschild damals im Interview. Im Jahr 2021 wurden von Rügenwalder rund 100 Tonnen Soja verarbeitet, das Unternehmen ging auch hier von einer positiven Entwicklung aus. „Die Frage wird auch sein, welche pflanzlichen Proteine sich neben Soja nutzen lassen. Wir setzen nicht nur auf Soja, sondern setzen auch Erbsen und Weizen ein und forschen auch mit weiteren vielversprechenden heimischen Proteinquellen wie Lupinen, Kartoffeln oder Ackerbohnen“, erklärte Hausschild. Heute, im Jahr 2046, ist der Anbau von Soja, Erbsen und Ackerbohnen auch hierzulande deutlich gestiegen und hat die Kulturlandschaft verändert. Das Umdenken vieler Landwirte und die Erweiterung der Fruchtfolgen haben sich auch in puncto Umweltschutz ausgezahlt. All das hat der Verbraucher mit seinem bewussten Umdenken beim bewussten Kauf von Fleisch und Fleischalternativen möglich gemacht.

Foto: IMAGO/Petra Schneider

Nackensteak hat ausgedient

Bereits im Frühjahr 2021 zeichnet sich ab, dass vegetarische und vegane Fleischalternativen in der Gunst der Verbraucherinnen und Verbraucher steigen. Brat- oder Tofuwurst, Nackensteak oder Seitanschnitzel - diese Frage beantworten offenbar zunehmend mehr Verbraucherinnen und Verbraucher zugunsten der vegetarischen oder veganen Alternative, teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) seinerzeit mit. Auch die Produktion von Fleischersatzerzeugnissen nimmt zu, wobei es sich heute dabei noch klar um einen Nischenmarkt handelt: Im Jahr 2020 produzierten die Unternehmen in Deutschland laut Destatis im Vergleich zum Vorjahr knapp 39 Prozent mehr Fleischersatzprodukte: Von knapp 60.400 t stieg die Produktion auf gut 83.700 t. Der Wert dieser Produkte erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 272,8 Mio. € auf 374,9 Mio. €. Auch mehr und mehr Unternehmen setzen in den frühen 2020er Jahren auf den „Pflanze statt Fleisch“-Trend: So gab der Konsumgüterkonzern Unilever Ende 2020 bekannt, dass die Erlöse mit pflanzenbasierten Fleisch- und Milchalternativen in den kommenden fünf bis sieben Jahren auf 1 Milliarde Euro gesteigert werden sollen. Ende des Jahres kündigte die Fastfoodkette McDonald’s an, einen veganen Burger, den McPlant, auf den Markt zu bringen. Während aktuell Erzeugnisse aus „echtem“ konventionellen Fleisch häufig noch über günstige Preise bei Verbrauchern punkten, wird dies in Zukunft wohl nicht so bleiben. So hat der US-Fleischersatzhersteller Impossible Foods Anfang des Jahres 2021 angekündigt, seine Großhandelspreise in den USA um 20 Prozent zu senken. Ausschlaggebend sei unter anderem eine enorme Produktionssteigerung, so das Unternehmen. Das Unternehmen Aleph Farms, das Rindfleisch aus Zellvermehrung erzeugt, hatte kurz zuvor mitgeteilt, dass es gelungen sei, die Produktionskosten deutlich zu senken. Die Massenproduktion soll Ende 2022 starten, gab Aleph Farms Ende 2020 bekannt. Der Preis für Aleph-Produkte werde dann auf dem Niveau von natürlich gewachsenem Fleisch liegen. In Deutschland setzt neben dem Fleischverarbeiter Rügenwälder Mühle auch die Nummer eins in der Geflügelfleischerzeugung, die PHW-Gruppe mit ihrer bekannten Marke Wiesenhof, auf alternative Proteine. Das Unternehmen widmet diesem Geschäftsfeld inzwischen eine eigene Sparte. pio

Von Mareike Scheffer