Russland 2046

Marktmacht bei Fleisch und Getreide

Russland dürfte in den kommenden Jahren seine Kapazitäten an den Exporthäfen deutlich ausbauen. Hier zu sehen: Getreideabwicklung im Hafen von Wladiwostok. Foto: IMAGO/Itar-Tass

In Russland liegen rund 12 Mio. ha an Getreidefeldern brach, die in den kommenden Jahrzehnten nutzbar gemacht werden dürften. Darin steckt enormes Potenzial für die Agrarwirtschaft. Bei Produktion und Export von Sojabohnen und Mais soll Russland bis 2046 mindestens ins Mittelfeld der weltweit wichtigsten Erzeuger beziehungsweise Anbieter aufgerückt sein.

Russlands Agrarsektor hat sich in den vergangenen Jahren vom ökonomischen Sorgenkind zu einem wichtigen Devisenbringer im Land entwickelt. Im Frühjahr meldeten russische Zollbehörden, dass die Ausfuhren von Agrargütern und Lebensmitteln 2020 zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Importe knapp überholt hatten. Insgesamt lieferten Russlands Exporteure Getreide, Fleisch, Öl, Fisch, aber auch verarbeitete Lebensmittel im Wert von knapp über 30 Milliarden Dollar ins Ausland. Im vergangenen Jahr, als die Preise für Energierohstoffe einbrachen, entfiel auf den Agrarsektor mittlerweile ein Zehntel der Gesamtausfuhren. Bis ins Jahr 2030 sollen die Ausfuhren um weitere 50 Prozent steigen und 45 Milliarden Dollar erreichen. Verglichen mit führenden Nationen wie den USA oder auch Deutschland oder Brasilien, die auf auf ein Vielfaches davon kommen, sind diese Werte noch bescheiden. Umso größer ist das Wachstumspotenzial.

Konsolidierung als Chance

Branchenexperten sehen vor allem in den Megatrends der vergangenen Jahre eine Basis für die weitere Entwicklung. Der Schutz der eigenen Märkte durch Einfuhrbeschränkungen und Subventionen für Investitionen in die Milchwirtschaft und Gewächshäuser für den Gemüseanbau werden schon bald die Lücken in der Eigenversorgung bei Milch, Tomaten und Gurken und anderen Gemüsesorten schließen. Ein weiterer Trend ist die Konsolidierung der Agrarbranche, die den Wirtschaftszweig auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger macht. Während kleinere Bauern klagen, dass sie vom Markt gedrängt würden, können sich nur ausreichend große Unternehmen teure Investitionen und Gedanken an den Export in andere Länder leisten. Das wohl wichtigste Zugpferd des landwirtschaftlichen Wachstums wird auch in Zukunft die Getreidewirtschaft. Anfang der 2000er Jahre galten Ernten von 70 bis 80 Mio.t als Erfolg. Mittlerweile erreichen Endergebnisse Werte zwischen 120 und 130 Mio.t. Für Andrei Sizov, Vize-Chef der Agrarberatung Sovecon, waren es vor allem die marktwirtschaftlichen Reformen, etwa die Liberalisierung des Landhandels Anfang der 2000er Jahre, die das Wachstum befeuerten. Zudem sorgen mildere Winter für bessere Erträge: „Der Anteil von Wintergetreide ist kontinuierlich gestiegen“, erklärt Sizov. Die Aussaat von Winterweizen, dessen Erträge deutlich höher sind, hat sich beinahe verdoppelt, während die Weizenfläche insgesamt nur um ein Fünftel gestiegen ist.

Millionen Hektar liegen brach

Der Trend dürfte sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten fortsetzen. Große Hoffnungen verbindet die Branche zudem mit den weiterhin riesigen Arealen, die einst von wenig effizienten, staatlichen Betrieben bewirtschaftet worden sind. Verglichen mit 1990 liegen in Russland noch etwa 12 Mio. ha ehemalige Getreidefelder brach. Die durchschnittlichen Erträge für alle Getreidesorten sind seitdem um 50 Prozent von 2,0 auf 3,0 t/ha gestiegen. 2006 erreichte die Getreideaussaat mit 33 Mio. ha ihren Tiefpunkt und kletterte seitdem um 12 Mio. ha auf 45 Mio. ha. Ein weiterer Zuwachs um 12 Mio. ha ist überaus wahrscheinlich, zumal die Regierung ein entsprechendes Förderprogramm aufgelegt hat. Bis ins Jahr 2031 sollen dafür umgerechnet sechs Milliarden Euro an staatlichen Mitteln fließen. Wenn die Ertragssteigerung und der Flächenausbau weitergehen, dürften die Getreideernten in den 2040er Jahren weit über 200 Mio. t jährlich steigen. Eine ähnliche Prognose lieferte der russische Branchenverband der Getreidehersteller bereits 2018.

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Neue Märkte in Asien und Afrika

Damit diese riesigen Mengen künftig exportiert werden können, arbeiten russische Behörden daran, neue Märkte in Asien, dem Nahen Osten und in Afrika zu erschließen. Nicht weniger wichtig ist jedoch der Ausbau der Exportinfrastruktur. Allein am Schwarzen Meer sind neue Verladekapazitäten in einem Umfang von über 30 Mio. t jährlich geplant. In den kommenden beiden Jahrzehnten dürften daneben vor allem in den Häfen rund um Sankt Petersburg und an der Pazifikküste im Osten des Landes neue Getreideterminals bekommen. Zumal die Klimaveränderung dazu führt, dass die Produktion von Weizen und Gerste sich immer weiter nach Zentralrussland und in den Osten des Landes verschiebt, was den Schwerpunkt der Exportaktivitäten bis 2045 ein Stück weit vom Süden des Landes weg verschieben dürfte. Neben den für Russland klassischen Getreidesorten sehen Landwirte vor allem bei den für das Land noch relativ neuen Kulturen wie Mais und Soja das größte Wachstumspotenzial. Ihre Produktion ist in den vergangenen Jahren ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau explosionsartig gestiegen. Verglichen mit dem Jahr 2000 hat sich Mais-Fläche verfünffacht, während die Hektarerträge sich mehr als verdoppelt haben. Seitdem sind die jährlichen Ernten im Schnitt von 1,5 Mio. t auf 13 Mio. t gestiegen, wovon mittlerweile etwa 3,5 Mio. t ins Ausland geliefert werden.

Sojaanbau gewinnt an Bedeutung

Zunehmend wichtig, auch für die heimische Tierhaltung, wird der Anbau von Soja und die Herstellung von Schrot als Futtermittel. Bislang bleibt Russland Netto-Importeur. Doch auch hier waren die Zuwachsraten außerordentlich. „Wir hatten zuvor Soja als ungeeignet für Zen­tralrussland betrachtet“, sagt etwa Dmitrij Rilko vom Institut für Agrarkonjunktur IKAR. „Wir haben jedoch die Klimaveränderungen und die Möglichkeiten der Saatgut-Verbesserung unterschätzt“, so Rilko. Bislang entfiel der Flächenzuwachs bei Soja vor allem auf die russische Pazifik-Region weit im Osten des Landes, doch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten dürften die Flächen vor allem in Zentralrussland kräftig zunehmen, wo das Klima wärmer und feuchter wird. Schon in wenigen Jahren könnte Russland zum Netto-Exporteur werden. Insgesamt zeigt der Trend, dass Russland bis zur Mitte des Jahrhunderts bei Export und Produktion von Soja und Mais zumindest ins Mittelfeld der weltweit wichtigsten Erzeuger aufrücken dürfte. Diese Entwicklung dürfte zudem eine weitere aufkommende Schlüsselbranche, die Fleischwirtschaft, beflügeln. In den vergangenen Jahren hat rapides Wachstum bei der Hühner- und Schweinehaltung dafür gesorgt, dass die Importe aus anderen Ländern in diesem Bereich beinahe versiegt sind. Die größten russischen Hersteller haben bislang alte sow­jetische Farmen modernisiert und planen bereits neue Megaprojekte. Weil der eigene Markt zu eng geworden ist, führen russische Offizielle Gespräche mit potenziellen Abnehmern im Nahen Osten, und in Asien, die an Hühnerfleisch aber an Rind und Schweinefleisch aus Russland interessiert sein könnten. Die industrielle Schweinefleisch-Produktion stieg seit 2000 von 0,5 auf 4 Mio. t, damit rangiert Russland auf Platz 5, hinter China, EU, USA und Brasilien. Ähnlich groß war das Wachstum bei Geflügel.

Rang 4 in der Fleischproduktion

In den kommenden beiden Jahrzehnten dürfte vor allem der Export zum wichtigsten Treiber werden. Von einem niedrigen Niveau aus stiegen die Ausfuhren von Hühnerfleisch in den arabischen Raum und von Schweinefleisch nach Asien um 50 Prozent auf 887 Millionen US-Dollar. Diese Zahl dürfte in den kommenden Jahren weiter steil ansteigen. Vorausgesetzt allerdings, dass die Verhandlungen zur Öffnung weiterer Märkte, allen voran in Asien, erfolgreich vorangehen. Russische Branchenexperten glauben, dass sich das Land in der Fleischproduktion hinter Brasilien auf Platz 4 weltweit festsetzen kann. Die möglichen Erfolge der russischen Landwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten stehen jedoch unter einem Vorbehalt der staatlichen Regulierung. Vor allem die jüngsten Bemühungen der russischen Behörden, den Binnenmarkt von den steigenden Weltmarktpreisen mit Exportsteuern und Exportquoten abzuschotten, haben in der Branche für große Verunsicherung gesorgt und Fragezeichen hinter so manche Investitionsprojekte gestellt. Während die marktwirtschaftlichen Reformen in den vergangenen Jahren die Entwicklung des Agrarsektors deutlich beschleunigt haben, könnten die neuen Erfolge, aber auch der größere Einfluss des Weltmarktes auf die Preise im Inland den Regulierungsappetit der Moskauer Regierung wecken, was wiederum das Wachstum torpedieren könnte.

Von Maxim Kireev