Agrarhandel 2046 …

Impressionen aus dem Kompetenzzentrum 2046

Hand in Hand mit der KI im Agrarhandelsstandort der Zukunft. Foto: IMAGO/Alexander Limbach

An einem gewöhnlichen Tag im Juli 2046 beginnt Oliver R. seine Arbeit im Kompetenzzentrum Südost eines großen Agrarhandelsunternehmens. Der 35-Jährige hat vor sechs Jahren dort angefangen, zunächst als Trainee, inzwischen ist er Standortleiter. Zuvor hat er seine Promotion im Fach Agrar-IT-Ingenieurswesen an der Universität Göttingen beendet. In der Schaltzentrale des Standorts überwacht R., ob alle Systeme ordnungsgemäß laufen. In der Warendisposition geht ein neuer Auftrag ein: Ein Schweinemastbetrieb in 80 km Entfernung braucht vier Lkw mit Mischfutter. Sofort gleicht das System in der deutschlandweiten Datenbank Agri-Dispatch die Verfügbarkeiten ab. In Sekundenschnelle ist der Lieferant gefunden, ebenso die Lkw inklusive Liefertermin und Rückfracht. Parallel werden Informationen zur Herkunft der Einzelkomponenten und deren Beschaffenheit ins Track-and-Trace-System eingespeist, das später eine lückenlose Rückverfolgung des fertigen Fleischproduktes vom Feld bis zum Supermarktregal ermöglichen wird, gestützt durch Blockchain-Technologie.

Transaktionen per Knopfdruck

Oliver R. muss schmunzeln. Seine Mutter hat ihr gesamtes Berufsleben im Agrarhandel zugebracht. Sie erzählt ihm gerne von zehn und mehr Telefonaten, die nötig waren, um einen Kontrakt zu schließen. Von den E-Mails und Faxen, die hin- und hergeschickt wurden, bis die Ware schließlich geliefert war und auch das Geld den Besitzer gewechselt hatte. Da heute nur noch wirkliches Spezialitätengeschäft individuell angebahnt und abgewickelt wird und alle anderen Transaktionen per Knopfdruck laufen, fällt es R. schwer, zu glauben, dass die Transaktionen früher einmal so umständlich über die Bühne gingen. Ein Fax schickt im Jahr 2046 niemand mehr; und E-Mails auch nur noch in Ausnahmefällen. Sämtliche Marktteilnehmer sind stattdessen über dezentrale Datenbanken vernetzt; an dieses System ist auch ein Messenger-Dienst im Stil von WhatsApp und Co angeschlossen.

Kleines, aber feines Gefahrengutlager

Über das Monitoring-System schaut sich Oliver R. den Standort an. Alles in Ordnung in der Saatgutaufbereitung, dem kleinen, aber feinen Gefahrengutlager für Pflanzenschutz und bei den Silos mit Getreide. In der Werkstatt für Landtechnik reparieren Roboter Komponenten; über ein weiteres System werden Warenlieferungen der Technikanbieter avisiert, mit der Standortlogistik abgeglichen und disponiert. In einer weiteren Ecke repariert eine Maschine einzelne Vertreter eines Roboterschwarms zur Bestandspflege. Der Werksleiter Technik überwacht die Prozesse und greift bei Störungen ein. Im Technik-Showroom sind verschiedene Drohnenmodelle, Roboter und Smart-Sprayer aufgebaut. Die Verkaufsberater am Standort führen erste Technik-Demonstrationen digital durch. Auf Wunsch wird noch ein Verkaufsgespräch mit Maschinendemonstration am Standort durchgeführt.

Autonom und elektrisch

Vollautomatisch werden Getreidelieferungen beprobt, auf Lkw und Waggons geladen und auf den Weg gebracht. Die meisten Lkw fahren autonom und mit elektrischem Antrieb. Für die Prozesse der Getreidelagerung, -gesunderhaltung und -lieferung ist ein Qualitätsmanager zuständig; in der benachbarten Saatgutaufbereitung, -lagerung und -vertrieb arbeiten drei Spezialisten; ansonsten läuft auch dort vieles vollautomatisch und unterstützt durch Künstliche Intelligenz. Die regionalen Beratungsspezialisten, die Pflanzenbau-, Nachhaltigkeits- und Animal-Welfare-Consultants, arbeiten abwechselnd mobil und aus dem Standort-Büro, in dem sie sich per Desksharing die verfügbaren Schreibtische und PC-Arbeitsplätze teilen. Oliver R. dreht sich leicht in seinem Schreibtischstuhl. Über seine Kollaborationssoftware kommt ein Anruf aus der Zentrale. Er ist mit dem Customer-Relationship-Manager verabredet. Darauf folgen weitere Videokonferenzen mit dem Gesamt-Vertriebsstab und der Produktentwicklung. Manche Arbeitsabläufe sind noch genauso wie im fernen Jahr 2021. Auch das Mittagessen findet ganz analog statt: Im Standortbistro mit den wenigen Kollegen aus Fleisch und Blut. Kollege Roboter dagegen hat selten Hunger.

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Agrarhandel 2046 …

Wirtschaften unter dem Primat der Null-Emissionen

Kurzfristig und im Hinblick auf das Jahr 2046 werden Schicksalsentscheidungen zum dauerhaften Erhalt einer natürlichen Grundlage für lebenswertes Leben anstehen. Das erwartet Christoph Kempkes, Vorstandsvorsitzender der RWZ in Köln. Die Senkung von CO2-Emission auf „netto null“ wird zu einem Muss: „Treibhausgase reduzieren allein reicht nicht mehr, denn irgendwann kann die Erde kein zusätzliches CO2 mehr absorbieren und dann droht das System zu ‚kippen‘. Der Weg Richtung ‚null‘ wird gravierende Änderungen im Verhalten jedes Einzelnen und der Art und Weise des Wirtschaftens mit sich bringen“, stellt Kempkes fest. Die Transformation zur Klimaneutralität kann nach Einschätzung des Vorstandsvorsitzenden der Kölner Hauptgenossenschaft nur dann gelingen, wenn die gesamte Wirtschaft, und mit ihr auch der Agrarhandel, vorangeht mit Innovationen und technologischer Entwicklung in einem unternehmerfreundlichen Umfeld. Als „Schlüsselthema“ identifiziert Kempkes Nachhaltigkeit in all ihren Facetten: „Dabei steht die globale Landwirtschaft im Fokus.“ Für die landwirtschaftliche Praxis seien „disruptive Maßnahmen“ absehbar: Effizienter, das heißt teilflächenspezifischer, düngen und Pflanzen schützen, wasser- bzw. bodenschonender wirtschaften sowie mithilfe von Züchtungstechnologien wie Crispr/Cas resilienteres Saatgut entwickeln. Passend dazu werden neue Geschäftsfelder beziehungsweise Produkt- und Dienstleistungsangebote – analog und digital – rund um das Thema Regenerative Landwirtschaft entstehen. Die tierische Produktion wird in den kommenden 25 Jahren deutlich reduziert werden; als Substitute sieht der RWZ-CEO neben pflanzlichen Proteinen auch Fleisch aus dem Reagenzglas. Der Agrarhandel ist gefragt, den Landwirten bei diesen Herausforderungen mit Beratung und passenden Werkzeugen zur Seite zu stehen. Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Digitalisierung zu: „Ohne zügige Digitalisierung wird keine global wirkungsvolle Nachhaltigkeitsstrategie möglich sein“, erwartet Kempkes.

„Treibhausgase reduzieren allein reicht nicht mehr, denn irgendwann kann die Erde kein zusätzliches CO2 mehr absorbieren und dann droht das System zu ‚kippen‘. Der Weg Richtung ‚null‘ wird gravierende Änderungen im Verhalten jedes Einzelnen und der Art und Weise des Wirtschaftens mit sich bringen“

Christoph Kempkes, Vorstandsvorsitzender der RWZ Köln

Foto: RWZ

Wertschöpfungskette rückt zusammen

Vollautomatisch werden Getreidelieferungen beprobt, auf Lkw und Waggons geladen und auf den Weg gebracht. Die meisten Lkw fahren autonom und mit elektrischem Antrieb. Für die Prozesse der Getreidelagerung, -gesunderhaltung und -lieferung ist ein Qualitätsmanager zuständig; in der benachbarten Saatgutaufbereitung, -lagerung und -vertrieb arbeiten drei Spezialisten; ansonsten läuft auch dort vieles vollautomatisch und unterstützt durch Künstliche Intelligenz. Die regionalen Beratungsspezialisten, die Pflanzenbau-, Nachhaltigkeits- und Animal-Welfare-Consultants, arbeiten abwechselnd mobil und aus dem Standort-Büro, in dem sie sich per Desksharing die verfügbaren Schreibtische und PC-Arbeitsplätze teilen. Oliver R. dreht sich leicht in seinem Schreibtischstuhl. Über seine Kollaborationssoftware kommt ein Anruf aus der Zentrale. Er ist mit dem Customer-Relationship-Manager verabredet. Darauf folgen weitere Videokonferenzen mit dem Gesamt-Vertriebsstab und der Produktentwicklung. Manche Arbeitsabläufe sind noch genauso wie im fernen Jahr 2021. Auch das Mittagessen findet ganz analog statt: Im Standortbistro mit den wenigen Kollegen aus Fleisch und Blut. Kollege Roboter dagegen hat selten Hunger.

Anspruchsvolle Digital Natives

Die landwirtschaftlichen Kunden von morgen werden alles Relevante rund um ihre Betriebstätigkeit im Netz finden und voneinander lernen. Ergänzt werde dieses Know-how durch eine persönliche, für individuelle Bedürfnisse maßgeschneiderte Beratung hochqualifizierter Agrarspezialisten. „Die Branche wird sich durch die Monetarisierung ihrer signifikanten CO2-Bindeleistung über den Zertifikateverkauf beträchtliche neue Einnahmequellen erschließen“, zeigt sich Kempkes optimistisch. Die RWZ sieht sich 2046 unter den führenden drei Playern in der Agrarhandelsszene. „Wir werden aber 2046 nicht mehr RWZ heißen, sondern vermutlich RAB eAG – das steht für Raiffeisen Agrar Betriebsberatung – und als mitteldeutsche Holding mit starken, in Allianzen verwobenen, international tätigen Business Units für Agrar und Technik, Energie, Digital Farming, Betriebswirtschaft und Basic Nutrition aufgestellt sein“, erwartet Kempkes. „Die Innovationsabteilung der RAB wird den ‚Weizen-Wedge‘, den ‚Dinkel-Döner‘, die ‚Odenthal-Orchidee‘, die ‚Teutonen-Tanne‘ mit Wachstumsbeschleuniger und den ‚Nord-Veltliner‘ aus dem Bergischen Land zum Kultstatus katapultieren“, konkretisiert er seine Erwartungen. Passend dazu geht der RWZ-CEO davon aus, dass das „Leben auf dem Land – in Abgrenzung zu teuren, verschmutzten, teils prekären und dysfunktionalen Städten – eine Renaissance erfahren wird“.

Agrarhandel 2046 …

Anspruchsvolle Kunden fordern digitale Lösungen

Der landwirtschaftliche Kunde 2046 ist agrarspezifisch hervorragend ausgebildet und verfügt auch darüber hinaus über hohes Wissen – etwa in Einkauf, Vermarktung und kaufmännischen Belangen. Das erwartet die ZG Raiffeisen in Karlsruhe. Im Zukunftsszenario der badischen Hauptgenossenschaft „braucht und will“ der Landwirt bei Standardprodukten kaum noch Beratung mehr. Dafür steigen die Anforderungen an den Service: Der Erzeuger will Standardprodukte nicht mehr am Standort der Händler abholen, ist die ZG überzeugt, sondern geliefert bekommen. Die Information zu Angeboten oder Kontraktoptionen solle möglichst digital erfolgen. Das hat Konsequenzen auch für das Standortnetz: „Wir brauchen weniger kleine Niederlassungen, dafür aber moderne Standorte mit hoher Kompetenz und Potenzial als Umschlagplatz, speziell am Wasser.“ Zustell-Logistik für Betriebsmittel und Ab-Feld-Logistik für die Ernte sollen bereits in naher Zukunft etabliert sein und den Landwirten Wege ersparen.

Verdrängungswettbewerb nimmt zu

Für die ZG Raiffeisen-Vorstände Lukas Roßhart und Dr. Holger Löbbert ist es „unzweifelhaft, dass aufgrund der politisch forcierten Ökologisierung der Landwirtschaft und bei einem insgesamt rück-läufigen Marktpotenzial ein Verdrängungswettbewerb stattfindet, der noch zunehmen wird“. Umso mehr seien Agrarhändler gefordert, den Landwirten das anzubieten, was ihnen unter den veränderten Rahmenbedingungen wirtschaftlich weiterhilft. „Im Bereich Produkte sehen wir Potenzial in höherwertigem Saatgut, das gegenüber Krankheiten, Schädlingen und Klima robuster ist, sowie im Ausbau des biologischen Pflanzenschutzes“, führen Roßhart und Löbbert aus. An Bedeutung gewinnen werden auch Precision-Farming-Technologien: Sie seien „der wesentliche andere Hebel, mit denen Landwirte ihre Erträge auch bei reduziertem Betriebsmitteleinsatz optimieren können“. Zugleich wachse sowohl im Bereich Maschinen mit den rasanten technologischen Entwicklungen als auch im Bereich Anbau mit neuen Anforderungen an Kulturen und Pflanzenschutz der Beratungsbedarf bei Landwirten: „Wir sehen, dass sich ein Außendienst im Agrarbereich zur Funktion eines Agrarberaters entwickeln muss – vergleichbar mit einem Firmen-Kundenberater im Bankgeschäft“, folgern daraus die ZG-Vorstände. Der Agrarhandelsmarkt wird sich bis zum Jahr 2046 nach Einschätzung der ZG-Vorstände weiter konsolidiert haben. Neben Fusionen seien hier auch Kooperationen in ausgewählten Geschäftsfeldern „probate Mittel“.

Nischenmärkte mit Potenzial

Ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld bis ins Jahr 2046 und darüber hinaus sieht die ZG Raiffeisen in Nischenmärkten wie etwa Dinkel. Großes Anschubpotenzial habe der Megatrend Regionalität – wenn die Verbraucher bereit seien, höhere Preise für Lebensmittel zu zahlen: „Wertschöpfung in der Region entspricht der Grundphilosophie der ZG Raiffeisen. Insofern würden wir eine Weiterentwicklung der vertikalen Integration sehr begrüßen.“

Von Stefanie Pionke