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75 Jahre agrarzeitung

Schillernde Persönlichkeiten und spektakuläre Pleiten

Der langjährige Korrespondent Horst Hermannsen blickt zurück

Wo soll man, und vor allem mit wem, beginnen? – Zu den interessantesten Personen, die mir in einem langen Berufsleben begegneten, gehört er: Constantin Bonifatius Herman-Josef Antonius Maria Freiherr Heereman von Zuydtwyck, Herr auf Surenburg, seit 1969 Präsident des Deutschen Bauernverbandes. Er entsprach dem, was man einen gerissenen Politiker mit Ämterhäufung nennt. Nicht jeder im Verband fand es gut, dass er für die CDU 1983 in den Bundestag zog und dort auch im „Nadelstreifenausschuss“ des Auswärtigen saß. Hier fühlte sich der weltläufige Freiherr sichtlich wohler als im Agrarausschuss.

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Der Vater der Milchquote: Ignaz Kiechle (CSU), Bundeslandwirtschaftsminister von 1983 bis 1993.

Beneidenswerte Konstitution

Zeitweise war er noch nebenbei in 15 Aufsichts- oder Beiräten von Unternehmen und Verwaltungsräten von Körperschaften. Er hatte ein feines Gespür für Einnahmequellen verschiedenster Art. Seine unverwüstliche Gesundheit mache den Tanz auf so vielen Hochzeiten zum Kinderspiel, antwortete der Baron auf die Frage, wie er das Pensum dieser Ämterfülle schaffe. In der Tat war er mit einer eisernen Disziplin und einer beneidenswerten Konstitution ausgestattet, wovon ich mich häufig überzeugen konnte. Der Edelmann aus dem Tecklenburger Land wahrte stets Distanz, ohne arrogant zu wirken. Wer das Vergnügen hatte, an den „intimen“ Kamingesprächen in seinem Schloss im westfälischen Riesenbeck teilzunehmen, wird die Aura des Hauses und seine ungezählten Anekdoten nicht vergessen. Zu den Ausnahmeerscheinungen gehörte auch Josef Ertl (FDP), von 1969 bis 1983 Bundeslandwirtschaftsminister. Wohl kaum ein anderer Agrarminister hat so deutlich gemacht, dass er vor allem Interessenvertreter der Bauern ist. Sein Schwiegervater, Wilhelm Nicklas, war der erste bundesdeutsche Landwirtschaftsminister. Seine Wortgefechte im Bundestag mit seinem Amtsvorgänger Hermann Höcherl (CSU), aber auch mit Herbert Wehner (SPD) oder Rainer Barzel (CDU), gehören zu den Sternstunden lebendiger parlamentarischer Auseinandersetzung, einer Auseinandersetzung, die nicht selten von seinem derben bayerischen Witz geprägt war.

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Weltläufiger Funktionär: Constantin Heereman von Zuydtwyck (CDU), von 1969 bis 1997 Präsident des Deutschen Bauernverbandes.

Ausfragen mit reichlich Alkohol

In Brüssel wurde er häufig in die Wohnung von Giesela Sonnenfeld, der Brüsseler Korrespondentin des Ernährungsdienstes, wie die agrarzeitung (az) in früheren Jahren hieß, eingeladen, die ihn bekochte, reichlich Alkohol ausschenkte und ihn, so ganz nebenbei, ausfragte. Als Bauernsohn geboren, wäre Josef Ertl – all jene, die ihm begegnet sind, konnten es aus seinem Munde hören – gern Bauer geworden; aber der Hof stand dem älteren Bruder zu. Ein Höhepunkt seines Lebens war der Kauf eines kleinen Milchvieh­betriebes südlich von Landsberg am Lech. Dort habe ich ihn regelmäßig besucht. Zusammen mit Alfred Strothe, dem legendären Verleger des Ernährungsdienstes, haben wir uns bemüht, Ertl zum Schreiben seiner Erinnerungen zu bewegen. Damals war er DLG-Präsident; dadurch erhofften wir uns höhere Verkaufszahlen. Das Buch „Agrarpolitik ohne Illusion“ entstand zwar, doch Autoren waren andere. Als Lohn bekam ich eine freundliche Widmung von ihm. Später legte sich Ertl auf dem Hof mit einem Stier an – der Stier erwies sich als der Stärkere.

Verbissener Erfinder der Milchquote

Er war nicht sonderlich fleißig, was ihn beliebt bei den Mitarbeitern des Ministeriums machte, die er einfach arbeiten ließ. Ganz im Gegensatz zu seinem Nachfolger Ignaz Kiechle (CSU), dem verbissenen „Erfinder“ der Milchquote. Kiechle versuchte seine nichtakademische Bildung durch Fleiß und Emsigkeit auszugleichen. Er kümmerte sich um kleinste Details und war gegenüber seinen Mitarbeitern misstrauisch. Dazu hatte er auch allen Grund, denn die mochten ihn nicht und ließen dies „schwäbische Bäuerlein“ das auch gelegentlich spüren. Sympathie hatte er nur für verbandsnahe Journalisten. Jede Widerrede verstand er als Affront. Selten vergaß Kiechle zu erwähnen, dass er ein sechsmonatiges landwirtschaftliches Praktikum in den USA absolvierte.

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Passionierter Verleger und Gründer dieser Zeitung: Alfred Strothe.

Hungriger Verleger

Natürlich darf Alfred Strothe nicht fehlen. Er, der Gründer, Verleger und langjährige Chefredakteur des „Ernährungsdienstes“ (ED), dem Vorgängerblatt der heutigen „agrarzeitung“ (az). Als ich ihn einmal fragte, warum er sich als ehemaliger junger Wehrmachtsoffizier, schwer kriegsversehrt, bei der britischen Besatzungsmacht um die Lizenz für eine agrarwirtschaftliche Zeitung bemühte, sagte er: „Ich hatte Hunger, und wer mit Landwirtschaft zu tun hat, hat immer etwas zu essen.“ Unvergessen sind seine mit „ast“ signierten ED-Kommentare. Strothes Leidenschaft gehörte dem Fußball. Obwohl unterschenkelamputiert, war er gelegentlich Torwart bei einer Art Verlagsmannschaft am Wochenende, was nicht immer gut ging. Mehrmals habe ich ihn im Spital besucht. Als er Präsident von Hannover 96 wurde, gab es beim sonntäglichen Frühstück in seinem Wohnhaus, wo ich gelegentlich anwesend sein durfte, nur ein Thema. Strothe lockte die berühmte Fußballegende Tschik Cajkovski mit einem damals unvorstellbaren Monatsgehalt von 20.000 DM von der Isar an die Leine. Verleger Strothe bezahlte die Hälfte davon aus seiner eigenen Tasche – was seine Mitarbeiter am Monatsende manchmal spürten.

Mit den Granden ins Kasino

Mit einem untrüglichen Blick für die Realität ausgestattet, führte Strothe seinen Verlag. Strothe verstand es, den Kontakt mit den Großen der Branche, wie Töpfer, Kampffmeyer, Becher, aber auch den Vorständen der Genossenschaften und der Agrarchemie, zu pflegen. Angebiedert hat er sich ihnen nie. Für Strothe war stets die Unabhängigkeit von Firmen, Verbänden und der Politik wichtig. Baden-Baden, und dort vor allem die Spielbank, übte eine große Anziehung auf ihn aus. Er lud mich gelegentlich in sein Hotel ein, wo ihn regelmäßig auch die Granden der Agrarwirtschaft besuchten. Alfred Strothe, das konnte ich erleben, gab in jedem Rahmen ein anderes Bild seiner Persönlichkeit ab. Die Treffen mit dem Landwirt, oberbayerischen Bauernverbandspräsidenten sowie CSU-Landtagsabgeordneten Dr. Martin Haushofer (1936 -1994) bleiben unvergessen. Er entstammte einer Familie, die in deutsche und bayerische Geschichte eingebunden war. Sein Onkel Albrecht, der 1945 ermordet wurde, ist Autor der berühmten „Moabiter Sonette“, aus denen er häufig zitierte. Der Vater, Prof. Heinz Haushofer, war Mitbegründer des Bayerischen Bauernverbandes. Auf dem malerischen Hartschimmelhof, oberhalb des Ammersees mit Blick ins Gebirge, konnte man die Zeit vergessen. Er war in Bayern einer der ersten Bauern, die Galloway-Zuchtrinder hielten. Damals ein hervorragendes Geschäft. Einer seiner Lieblingssätze: „Die Unqualifizierten verursachen in jedem Beruf mehr Schaden und Imageschwund, als die Könner wieder wettmachen.“ Zu viele schlecht ausgebildete Landwirte könnten zum Beispiel mit der Agrarchemie nicht richtig umgehen.

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Wortgewandter Bauernsohn: Josef Ertl (FDP), von 1969 bis 1983 Bundesagrarminister.

Skandalöser Untergang

Als eines der bedeutenden Institute am bayerischen Bankenmarkt hat die Bayerische Raiffeisen-Zentralbank AG (BRZ) während der 93 Jahre ihres Bestehens (1893 bis 1986) Geschichte geschrieben – in verschiedener Hinsicht. Zum einen, als sie als Zentralkasse der Raiffeisenbanken Finanzierung- und Geldausgleichsfunktionen wahrgenommen hat und Geschäftspartnerin für die bayerische Primärinstitute der Raiffeisengruppe, aber auch aller genossenschaftlicher Zentralkassen Deutschlands war. Zum anderen war ihr Untergang skandalös: Ein maßloser Vorstand, unterstützt von einem völlig überforderten Aufsichtsrat, drängte in das große Immobiliengeschäft – und verspielte eine Dreiviertelmilliarde DM mit Bauherrenmodellen. Plötzlich bestand Ende 1985 die Gefahr der drohenden Zahlungsunfähigkeit dieser als stabil und bonitätsstark geltenden Bank. Um die Insolvenz abzuwenden, wurde sie von der DG Bank (Heute DZ Bank AG) übernommen. Eine bemerkenswerte Konsequenz dieser Krise war, dass erstmals in der deutschen Bankengeschichte Vorstände, Aufsichtsräte und für das Kreditgeschäft Verantwortliche vor Gericht gestellt wurden. Nicht ganz so spektakulär war der Niedergang der Lagerland AG. Das 1927 gegründete Unternehmen beschäftigte rund 400 Mitarbeiter. Im Jahr 2000 erwirtschaftete Lagerland einen Umsatz von 340 Millionen Euro, rutschte aber sichtbar in die Verlustzone. Die Banken hätten dem Unternehmen einen Saisonkredit für das Frühjahrsgeschäft verweigert, konnte man damals im Ernährungsdienst lesen. Dabei galt die „Vereinigung des privaten Landhandels“ einmal als Hauptkonkurrenten des Agrar-Handelsriesen Baywa. Lagerland hatte Niederlassungen in Bayern, Hessen, Thüringen, Sachsen und Baden- Württemberg. Ihre Aktien wurden zeitweise im Freiverkehr an der Bayerischen Börse notiert. Die vielen kleinen und mittleren Landhandelsbetriebe wurden durch die Wechselfinanzierung der Lagerland am Leben erhalten – von manchen sah der Lagerland-Vorstand nie eine Bilanz. Etliche dieser Mittelständler handelten nicht Agrarprodukte, sondern sie waren Lagerhalter, die ihr Geld vom Staat im Rahmen der Intervention erhielten. Nicht wenige von ihnen saßen als „Abhängige“ in einem aufgeblähten Aufsichtsrat und taten mir gute Dienste als Informanten.

Probleme mit dem Sojahandel

Die Lagerland hatte unter anderem Probleme mit dem Sojahandel, genauer gesagt, sie beherrschte ihn nicht. Als das Unternehmen 1997 durch Spekulation in eine gefährliche Schieflage geriet, wurde der Bereichsleiter Futtermittel gefeuert. Folgerichtig stand im Geschäftsbericht 1998: „Wir stellten ab Ende 1997 den spekulativen Soja-Handel ein.“ Der damalige Warenvorstand ignorierte die Entscheidung und führte die Spekulation mit gewohntem Misserfolg fort. Das Ergebnis war ein Verlust in Millionenhöhe – der Anfang vom Ende. Was der Lagerland fehlte, waren eine funktionierende interne Kon­trolle und ein souveräner Aufsichtsrat, der etwas vom Warengeschäft versteht. Im Sommer 2002 stellte sie ihren Geschäftsbetrieb ein und wurde liquidiert.

Ein besonders inniges Verhältnis verbindet Ernährungsdienst/agrarzeitung seit Mitte der 1970er Jahre mit der Baywa AG. Die Beziehung, das muss ich einräumen, war nicht immer unproblematisch. Als zum Beispiel der ED, noch vor der „offiziellen Pressemeldung“, über die „Entfernung“ eines Vorstandes schrieb, der unter anderem für schlechte Ergebnisse im Futtermittelbereich verantwortlich war, schwoll bereits in den 80er Jahren die Empörung in der Chefetage so an, dass etliche ED-Exemplare abbestellt wurden. Auch Kritik an Personen und Vorgängen wurde von Dr. Otmar Wasmer, der von 1972 bis 1991 an der Spitze der „Grünen AG“ stand, regemäßig als „anmaßend“ und „ungehörig“ bezeichnet. Mehrere Male gab es deshalb sogar Hausverbot und immer wieder – bis heute – die Anweisung an die Mitarbeiter, „nicht mit dem Hermannsen zu sprechen“. Es gab aber auch geschicktere Vorstände, die den Chronisten in Probleme, Schwierigkeiten und Schieflagen im persönlichen Gespräch einweihten. Nach dem Gespräch dann der Hammer: „Das habe ich Ihnen jetzt vertraulich gesagt. Sie dürfen es nicht veröffentlichen, sonst schaden sie nicht nur mir, sondern auch den Mitarbeitern. Sie hätten zwar eine tolle Schlagzeile, aber wir wären geschiedene Leute.“ Damit sind einem die Hände gebunden, denn man möchte bei anderer Gelegenheit über bestimmte Vorgänge wieder als Erster informiert werden.

Von Horst Hermannsen

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