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Globale Märkte

EU verliert an Bedeutung

Die Ökologisierung der Landwirtschaft in Europa führt zu geringeren Erträgen und Exportvolumina – Steigende Nachfrage nach Fleischalternativen gefährdet Angebot an Pflanzenölen.

Indien und Russland werden in Zukunft für einen Großteil des Angebotswachstums am globalen Weizenmarkt stehen, erwarten Analysten. In der EU hingegen werden politische Weichenstellungen zu mehr Ökolandbau die Erträge senken. Soja- und Maiserzeuger müssen um wirtschaftliche Folgen des Fleischverzichts bangen. In der EU stehen die Zeichen für die Weizenerzeugung in den kommenden 20 Jahren bestenfalls auf Stagnation. Das erwartet Stefan Vogel, Leiter Globale Agrarmarktanalysen bei der Rabobank in London. Mit den politischen Weichenstellungen hin zum Nachhaltigkeitsprogramm „Green Deal“ habe die Staatengemeinschaft ihre zukünftige Weizenproduktion und die künftigen Exporte „deutlich infrage gestellt“, so Vogel. Die „Farm-to-Fork“-Strategie als Teil des Green Deals sieht vor, dass die Fläche für den ökologischen Landbau in der EU bis 2030 einen Anteil von 25 Prozent erreicht haben soll, ausgehend von heute rund 8 Prozent im Schnitt. „Ohne ein stärkeres Wachstum der Bioflächen insbesondere bei Getreide, Ölsaaten und Grünland in den großen Produzentennationen wie Frankreich, Deutschland, Polen, Spanien und Italien werden diese Ziele nicht erreicht“, gibt Vogel zu bedenken. Das werde zulasten der Erträge gehen – immer vorausgesetzt natürlich, dass die Zielsetzungen auch genauso Vorschrift werden. Im Jahr 2046 wird die EU zwar weiter ein wichtiger Exporteur für Weizen sein, erwartet der Rabobank-Analyst. Doch womöglich werden dann die Volumina „nicht viel größer sein als heute“. Um das Zieljahr für Green Deal und Farm-to-Fork-Strategie 2030 herum könnten die Exportmengen sogar deutlich geringer ausfallen, gibt Vogel zu bedenken, da Erträge von Biogetreide eben niedriger seien als jene aus konventioneller Produktion.

Ertragszuwächse in Russland

Ein anderes Bild ergibt sich für Russland, so Vogel: Russland habe in den vergangenen 25 Jahren seine Weizenproduktion nahezu verdreifacht und um mehr als 50 Millionen Tonnen gesteigert. Die Exporte seien von nahezu null auf 40 Millionen Tonnen gewachsen. Der Marktkenner geht daher davon aus, Russland auch im Jahr 2046 weiterhin als größten Weizenexporteur in der Welt zu sehen: „auch wenn das Flächenwachstum wohl nicht so dramatisch ausfallen sollte wie in der Vergangenheit, so sollten Ertragszuwächse die Produktion weit über 120 Millionen Tonnen anwachsen lassen – und diese Zuwächse werden vorrangig in den Exportmarkt wandern.“ Zum Vergleich: Aktuell fährt Russland eine Weizenernte von rund 85 Mio. t jährlich ein. Diese Erwartung passt zu der Einschätzung der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD in ihrem kürzlich veröffentlichten Ausblick auf die Agrarmärkte bis 2030. Allein im kommenden Zehnjahreszeitraum sollen demnach Russland und Indien zusammengenommen für mehr als 50 Prozent der Produktionszuwächse am globalen Weizenmarkt stehen. Dabei soll zumindest im Zeitraum bis 2030 das globale Nachfragewachstum moderat ausfallen. Die Gründe: Der Weizenbedarf aus dem Biokraftstoffsektor wird zurückgehen. Außerdem wird die Maiserzeugung dynamisch wachsen und den höheren Futterbedarf decken, der durch die Zunahme des Fleischkonsums in weiten Teilen der Welt entsteht. Die veränderten Verzehrgewohnheiten in den Wohlstandsnationen wirken sich hingegen – zumindest in den kommenden zehn Jahren - kaum in der globalen Bilanz aus. Und außerdem haben laut OECD bis 2030 einige Nationen weltweit eine gewisse Sättigung im Weizenkonsum erfahren; sicherlich werden sich viele dieser Trends bis ins Jahr 2046 fortschreiben lassen.

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Rotes Fleisch weniger gefragt

Um kurz bei den Fleischmärkten zu bleiben: Der Bedarf nach rotem Fleisch wird in den wohlhabenden Nationen in den kommenden zehn Jahren bis 2030 zurückgehen, erwarten FAO und OECD und nennen als Gründe wachsendes Gesundheitsbewusstsein und höhere Anforderungen an den Umwelt- und Klimaschutz. Die Verbraucher in den hoch entwickelten Ländern werden also bereits in den kommenden zehn Jahren Schweine- und Rindfleisch durch Geflügelfleisch ersetzen. Sollte, wie von einigen Marktbeobachtern prognostiziert, auch die globale Nachfrage nach In-vitro-Fleisch und pflanzlichen Alternativen zu tierischen Proteinen in den kommenden Jahrzehnten steigen, wird dies vor allem seine Spuren an den Märkten für Sojabohnen und Mais hinterlassen, erwartet Rabobank-Analyst Vogel. Da Futterkomponenten wie Mais und Sojabohnen in den vergangenen 25 Jahren deutlich mehr im Anbau zugelegt haben als Weizen, würde ein sich verstärkender Trend zu einer fleischlosen Ernährung vor allem die Produktion von Mais und Soja gefährden. Das würde besonders die Landwirtschaft in Nord- und Südamerika hart treffen, analysiert Vogel. Doch am Ende würden sich die Marktkräfte durchsetzen – und die Futtergetreide- und Ölsaatenpreise so unter Druck geraten, dass Landwirte und Landwirtinnen auf andere Kulturen umschwenken.

Knappes Gut Speiseöl

Doch geht der Konsum von Fleisch vor allem in den wohlhabenden Nationen und mit ihm der Anbau von Ölsaaten in den Produktionsländern Nord- und Südamerikas zurück, hat dies ein weiteres Problem zur Folge, so Vogel: „Woher bekommt die Welt das benötigte Speiseöl?“, macht der Marktexperte auf ein mögliches Problem aufmerksam. „Mit jedem Prozentpunkt an Fleischalternativen, für den kein Soja- oder Rapsschrot benötigt wird, fällt auch kein Soja- oder Rapsöl mehr an“, stellt der Analyst fest. „Würden wir ab morgen zum Beispiel 10 Prozent weniger Proteinfutter brauchen, dann würde die Welt auch rund 12 bis 25 Millionen Tonnen weniger Speiseöl produzieren, je nachdem, ob vorrangig Soja mit geringem Ölgehalt oder Raps mit hohem Ölgehalt durch alternative Fleischprodukte im Futter wegrationiert wird“, rechnet Vogel vor. Dabei stellt sich natürlich immer auch die Frage, inwieweit der Trend zum Fleischverzicht von den westlichen Industrienationen auf andere Teile der Welt ausstrahlt.

Von Stefanie Pionke