Der Strukturwandel im Agrarhandel, unterstützt durch die digitale Transformation, bekommt in den kommenden Jahren eine neue Dynamik. Foto: IMAGO/Westend61

Wachsen, Weichen, Optimieren

Meilensteine des Strukturwandels früher, heute und morgen

Der deutsche Agrarhandel steht unter Veränderungsdruck: Eine Betrachtung der Entwicklungen seit den frühen 2000er Jahren

Der private und genossenschaftliche Agrarhandel hat in den vergangenen Jahren vermehrt seine Strukturen verändert. Manche Unternehmen sind ganz ausgeschieden, andere haben sich mit Wettbewerbern zusammengetan. Ein von Überkapazitäten geprägter Markt fordert die Entscheidungsträger zum Handeln heraus. Eine Betrachtung realer Entwicklung von der Vergangenheit bis heute sowie fiktive Überlegungen, wie es künftig weitergehen könnte. Warnhinweis an die Leserinnen und Leser: Alles nach dem Jahr 2021 sind rein fiktionale Szenarien und somit ohne Gewähr.

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2004

Die Raiffeisen Hauptgenossenschaft Nord AG in Hannover und die Raiffeisen Central-Genossenschaft in Münster fusionieren zur Agravis Raiffeisen AG. Unternehmenssitze bleiben fortan Münster und Hannover.

2008

Die Hauptgenossenschaft Nord AG, HaGe Kiel, tritt aus dem Deutschen Raiffeisenverband aus, verlässt somit den Kreis der Hauptgenossenschaften und wird fortan als private AG geführt.

2012

Die Baywa AG übernimmt den internationalen Getreidehändler Cefetra B.V. für 125 Mio. €. Zeitgleich kaufen die Münchner 60 Prozent der Anteile an der Bohnhorst Agrarhandel GmbH für 36 Mio. €. 2014 übernimmt die Baywa Bohnhorst komplett.

2013

Der Biodiesel-Hersteller Verbio AG verkauft seine angeschlagene Agrarhandelstochter Märka GmbH mit 50 Standorten in Ostdeutschland und Polen. Unter anderem die HaGe Kiel akquiriert daraufhin zahlreiche ehemalige Märka-Standorte.

2014

Der US-Agrarkonzern Archer Daniels Midland (ADM) übernimmt Alfred C. Toepfer International vollständig und integriert das traditionsreiche Hamburger Handelshaus unter dem Namen ADM Germany GmbH in die Konzernstrukturen. Eingestiegen bei Toepfer war ADM bereits 1983.

2014

Die Raiffeisen-Warenzen­trale Kurhessen-Thüringen GmbH in Kassel und die raiwa eG in Müden (Niedersachsen) fusionieren. Das Gemeinschaftsunternehmen firmiert fortan unter dem Namen Raiffeisen Waren GmbH.

2015

Die Dava Agravis International, ein Joint Venture aus der Agravis und ihren dänischen Anteilseignern, übernimmt von der Getreide AG neun Gesellschaften mit rund 60 Standorten in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die eigens für diese Aktivitäten gegründete Holding Ceravis AG führt fortan die Geschäfte.

2018

Das Hamburger Agrarhandelshaus C. Mackprang jr. GmbH & Co. KG stellt Antrag auf Insolvenz. Im Jahr 2015 hatte zunächst die KTG-Gruppe Mackprang übernommen. Nach der Insolvenz von KTG im Sommer 2017 stiegen die Bohnhorst-Gruppe und der Hamburger Logistikanbieter und Zuckerexporteur August Töpfer Co. bei Mackprang ein.

2019

Das Hamburger Agrarhandelsunternehmen Cremer beschließt, sich aus dem klassischen globalen Handel mit Getreide- und Ölsaaten zurückzuziehen. Stattdessen setzt das Unternehmen auf eine sogenannte Vorwärtsintegration, also den Einstieg in die Verarbeitung von Lebens- und Futtermitteln. Chancen sieht das Unternehmen vor allem auf dem asiatischen Markt.

2019

Die Almos Alfons Mosel Handels GmbH aus dem bayerischen Nittendorf beschließt, das Handelsgeschäft mit Getreide, Ölsaaten und Futtermitteln aufzugeben. Schwerpunkt der künftigen Aktivitäten soll die Agrarproduktion in Rumänien bilden. 2020 Mit Wirkung zum Jahresbeginn

2020

Mit Wirkung zum Jahresbeginn 2021 fusionieren die Beiselen GmbH und ATR Landhandel zur BAT Agrar GmbH. In der neuen Struktur wird das Großhandelsgeschäft bei Beiselen angesiedelt sein. ATR Futtermittel und ATR Landhandel spezialisieren sich auf das Direktgeschäft mit der Landwirtschaft. Das neue Gemeinschaftsunternehmen BAT vereint rund 1500 Mitarbeiter und 2 Mrd. € Umsatz.

2020

Die Baywa strukturiert ihr Ostdeutschland-Geschäft um. Im Osten schließt der Münchner Konzern 24 Standorte. Zudem bündelt die Baywa ihre Agrarhandelsaktivitäten in der Region in der Baywa Agrarhandel GmbH.

2021

Die Baywa AG kündigt Ende März an, den Optimierungskurs des deutschen Agrarhandelsgeschäftes in Westdeutschland fortzusetzen, schwerpunktmäßig in Bayern und Württemberg. Insgesamt will die Baywa die Zahl der süddeutschen Agrarhandelsstandorte in den kommenden Jahren von 150 auf dann 80 reduziert haben.

2021

Die RWZ in Köln und Raiffeisen Waren (RW) in Kassel gründen eine Allianz, die im Juni an den Start geht. Die RWZ verkauft 19 Agrarhandels-Standorte in Hessen, Thüringen und Sachsen an die RW Kassel. Zudem gründen die Kölner und Kasseler ein Gemeinschaftsunternehmen für den Großhandel mit Getreide und Ölsaaten, die Raiffeisen Agritrading Rhein Main. Die Kölner halten 75 Prozent der Anteile an dem Gemeinschaftsunternehmen, die Kasseler die übrigen 25 Prozent.

2023/24

Die ZG Raiffeisen in Karlsruhe steigt in die Allianz mit der RWZ in Köln und der Raiffeisen Waren in Kassel ein. Gemeinsam vermarkten die drei Unternehmen Getreide und Ölsaaten im gesamten deutschen Markt sowie in Frankreich. Den Anschluss an das Nachbarland bietet das deutsch-französische Vermarktungs-Joint-Venture für Getreide mit Beteiligung der Karlsruher, ECU.

2024

Die RWZ in Köln expandiert auf den italienischen Markt für Landtechnik. Der Anspruch der Kölner: ­Führender Agco-Anbieter im Nachbarland werden.

2025

Die Raiffeisen Networld GmbH und ihre digitale Plattform Akoro und die Raiffeisen Portal GmbH der Agravis und einzelner Primärgenossenschaften üben den Schulterschluss: Die beiden Gesellschaften und ihre Plattformen gehen eine Kooperation ein und vernetzen ihre Dienstleistungen miteinander.

2030

Die Baywa AG hat ihr deutsches Standortnetz weiter optimiert. 40 zentral gelegene Kompetenzzentren in Deutschland betreibt die Grüne AG mithilfe von KI. In den einzelnen Regionen sind die Münchner punktuelle Kooperationen mit anderen Händlern eingegangen. Digitale und mobile Beratungs- und Erfassungsservices, teilautonom gesteuert, treten außerdem an die Stelle eines engmaschigen, dezentralen Standortnetzes.

2034

Weitere private Agrarhändler in Norddeutschland schlüpfen unter das Dach der BAT Agrar. Der regionale Fußabdruck des Unternehmens wächst.

2036

Der Allianz aus Köln, Kassel und Karlsruhe schließen sich weitere Unternehmen aus dem privaten und genossenschaftlichen Agrarhandel in Süd- und Westdeutschland an. Es entsteht ein viertes Schwergewicht neben Agravis, Baywa und BAT Agrar.

2038

Ein umfassender, digitaler Marktplatz als Zusammenschluss aller privaten, genossenschaftlichen und einst von Start-ups vorangetriebenen digitalen Agrarhandelsplattformen entsteht. Alle Angebote im deutschen Markt werden dort gebündelt; auch internationale Händler sind dort vernetzt.

2040

Ein erster vollständig mit KI betriebener Agrarhandelsstandort als Pilotprojekt geht ans Netz. Erfassung von Getreide und Ölsaaten, Bestellungen und Warendisposition erfolgen vollautomatisch; gesteuert wird der Standort aus einer gemeinsam betriebenen Zentrale der beteiligten Hochschulen und Händler.

2046

Die pflanzenbauliche Fernberatung via Drohne wird getestet. Dabei handelt es sich um eine gemeinsame Initiative von Unternehmen der Agrarindustrie, des Handels und landwirtschaftlicher Großbetriebe.