Getreideernte im Jahr 2046

Ackern ohne Stress

Heute noch im Pilotstadium wie hier bei einem Versuch der Humboldt-Universität Berlin, in den kommenden Jahrzehnten aber womöglich Realität: ein autonomer Parzellenmähdrescher im Einsatz. Foto: IMAGO/Photothek

Sonntag, 10. Juni 2046, 8:00 Uhr: In der Magdeburger Börde ist es schon 21 Grad warm und seit drei Tagen läuft die Weizenernte.

Weil das Wetter bis morgen mitspielen soll, sausen die drei Mähdrusch-Module und die dazugehörige Staffel Transportraupen über den Schlag, seitdem Hugo heute Morgen den Reifegrad ein letztes Mal bestätigt und die geeignete Restfeuchte festgestellt hat. Die Maschinen arbeiten praktisch autonom, tauschen permanent Daten aus und überwachen sich gegenseitig. Wie immer ist ein kundiger Operator in der Nähe mit der Hand am Not-Aus. Das ist Vorschrift, auch wenn seit Jahren kein Schaden aufgetreten ist.

Agrarroboter in Pony-Größe

Hugo heißt eigentlich Murobag Mk V, ist ein Mehrzweck-Agrarroboter und etwa so groß wie ein Pony. Der hiesige 5.000-Hektar-Betrieb, eine SoLaWi-GmbH, die eine ganzes Rudel Murobags von einem Dienstleister im Leasing betreibt, hat sie in unterschiedlichen Farben bestellt und jedem einen eigenen Namen gegeben. Leidlich intelligent und mit der integrierten Spracherkennung sind sie echte Plaudertaschen. Über das 6G-Netz funktioniert der Datenaustausch zwar viel schneller als per Sprachausgabe, aber manchmal ist es einfacher, eine Frage zu stellen und eine gesprochene Antwort zu bekommen. Einige Murobags können aus einem Behälter einen Schwarm Minidrohnen über den Schlag schicken und über das ganze Jahr alle möglichen Daten sammeln, die für die Bewirtschaftung interessant sein könnten. Manchmal habe ich das Gefühl, diese Maschinen würden sich etwas auf ihre Fähigkeiten einbilden. Mein Gesprächspartner Thomas Schmidt (62) hat über 40 Jahre Erfahrung im Ackerbau und leitet das Unternehmen seit 20 Jahren. Er wird meist TomTom genannt, weil er einen phänomenalen Orientierungssinn besitzt und es früher einen Hersteller für Navigationsgeräte mit diesem Namen gab. Er steht mit mir am Rand des Schlags und beobachtet das Erntegeschehen. Ich frage ihn, wie er die diesjährige Ernte einschätzt und wie sich die Landwirtschaft aus seiner Sicht in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat. Er dreht sich etwas in meine Richtung und nimmt seine Kommunikationseinheit von der Nase, die auch als Sonnenbrille fungiert: „Beides gut“, sagt er und lächelt. Und dann holt er doch etwas weiter aus: „Wissen Sie, mein Großvater war wohl der letzte in meiner Familie, der tatsächlich gehungert hat. Das war vor 100 Jahren im Winter 1946/47, als es eine echte Hungersnot in Deutschland gab. Meine Generation, also die in den 1980er Jahren Geborenen und auch die Generation davor, kennen das nur aus Büchern oder alten Familiengeschichten. Auch die Art, wie damals Landwirtschaft betrieben wurde und wie ungewiss das Ergebnis von einem Jahr Arbeit war, können sich vor allem die Jüngeren kaum vorstellen. Für die Landwirtschaft damals waren Ernährungssicherung, Einkommenssicherung der Landwirte und günstige Lebensmittel die obersten Direktiven. Das galt bis zur Wiedervereinigung – da war ich noch ein Kind – für beide deutsche Staaten. Und das war für einige Jahrzehnte auch richtig, hat aber nichts mit der nachhaltigen Landwirtschaft zu tun, die wir heute betreiben.“

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6G-Netze und Künstliche Intelligenz

„Und was hat sich seither verändert?“ frage ich nach. Thomas Schmidt überlegt einige Sekunden: „Ich denke, bei den Veränderungen muss man unterscheiden zwischen kompletten Umwälzungen, das Modewort dafür hieß mal Disruption, und Dingen, die sich einfach weiterentwickelt haben. Es gab große Fortschritte in der Pflanzenzucht, als man auch in Europa anfing, unter vernünftigen politischen Rahmenbedingungen Gentechnik zu nutzen, weil man verstanden hatte, dass die Zeit für notwendige Anpassungen weglief. Wirklich umwälzend war aus meiner Sicht der Wechsel von analoger zu digitaler Technik mit allen Facetten, die wir heute sehen, von 6G-Netzen bis zur Künstlichen Intelligenz.“ Dabei nickt er in Richtung Hugo. Der reagiert sofort und zeigt mit einer grünen Lampe seine Bereitschaft, Kommandos entgegenzunehmen. „Und dass ich jetzt, mitten in der Ernte, hier entspannt stehe und plaudere, wäre früher auch nicht möglich gewesen. Da war Erntezeit Stress pur. Heute weiß ich, dass ich mich auf meine Leute, die eigene Technik und auf meine Agrardienstleister verlassen kann. Seit wir uns vor etwa 20 Jahren endgültig von proprietären Standards verabschiedet haben und Maschinen unabhängig vom Hersteller wirklich kompatibel sind, läuft es rund. Die Landtechnikproduzenten waren immer sehr innovativ, aber manchmal hatte man schon den Eindruck, dass die Entwicklung eine Art Springprozession ist, mit drei Schritten vor und zwei zurück. Es hat gedauert, bis wir auf Wasserstoff als Energieträger umgestellt hatten, oder bis die Kommunikation der Maschinen untereinander, die Nutzung externer Daten und die Integration aller Management-Schritte funktioniert haben. Das war fast so mühselig, wie die Verbraucher davon zu überzeugen, dass hochwertige und nachhaltig erzeugte Lebensmittel ihren Preis haben. Aber letztendlich haben wir es geschafft, dass aus den Lippenbekenntnissen Kaufentscheidungen wurden, auch weil wir Kunden zu Miteigentümern gemacht haben.“

Klimawandel und Konflikte um Wasser

„Und wie kam es dazu?“ Wir gehen ein Stück am Vorgewende entlang und Hugo bleibt dicht hinter uns. „Da kam viel zusammen“, setzt er an. „Der technische Fortschritt war enorm. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Der Klimawandel und die immer schlimmeren Konflikte um Wasser, die uns fast den dritten Weltkrieg beschert hätten, haben letztendlich dazu geführt, dass wir unsere Art, Landwirtschaft zu betreiben, erst infrage gestellt und dann angepasst haben. Mittlerweile sind Nachhaltigkeit, Biodiversität und Tierwohl keine fernen Ziele mehr, sondern Realität. Bei diesem Prozess sind einige auf der Strecke geblieben, da gibt es nichts zu beschönigen. Aber wer nicht handelt, der wird behandelt. Das hat eine Landwirtschaftsministerin schon vor 25 Jahren gesagt. Am Ende war es ein Dreiklang. Massiver Veränderungsdruck, daraus resultierend eine neue Ausrichtung der Agrarpolitik und letztlich die Einsicht, dass es keinen Zweck hat, ‚ökologisch‘ und ‚konventionell‘ gegeneinander auszuspielen, oder das eine zu fördern und das andere quasi zu bekämpfen. Wir gehen heute einen dritten Weg, produzieren nachhaltig gesunde Lebensmittel und bekommen faire Preise dafür. Und unser Nachbar hat letztes Jahr damit angefangen, beim Fruchtwechsel Ananas anzubauen. MB-Pineapple heißt die Marke. Schmecken gut, die Dinger.“

Von Jörg Huthmann