KI, Sensoren und Plattformen

Digitaler Handel ist an der Tagesordnung

Foto: IMAGO/Panthermedia

Digitale Plattformen zum Einkauf von Betriebsmitteln oder zur Vermarktung von Getreide und Ölsaaten haben sich bis zum Jahr 2046 durchgesetzt. Welche Rolle dabei der stationäre Agrarhandel spielen wird, darüber scheiden sich die Geister.

Die digitale Transformation sitzt im Agrarhandel bereits heute in den Startlöchern. Zahlreiche Start-ups wollen Einkauf und Vermarktung revolutionieren, und auch einige etablierte Händler mischen mit ihren eigenen Initiativen auf dem neuen Markt mit. Das ist der Status quo im Jahr 2021. Die Potenziale für den digitalen Handel sind riesig, bis zum Jahr 2046 dürfte einiges davon Realität geworden sein. Sensortechnik kann den Füllstand der Getreide- und Futtersilos überwachen und bei Bedarf automatisch Bestellungen auslösen. Bei Standardqualitäten wie Futterweizen oder B-Weizen, die feste Geschäftspartner routiniert miteinander handeln, kann die Disposition vollautomatisch laufen, von der Abwicklung bis hin zu Zahlungsverkehr und Auslieferung der Ware. Neue Geschäftspartner finden sich per App über Plattformen; opportunistisches Einzelgeschäft kommt auf eben diesem Wege zustande.

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Vertrauensvolle Zusammenarbeit stärken

Aber wie schätzen die Unternehmen, die heute digitale Plattformen betreiben, selbst die Entwicklung ein? Wird das Geschäft zwischen Landwirt und Händler durch die digitale Transformation anonymer? Jonathan Bernwieser, Gründer und CEO der digitalen Plattform für Ein- und Verkauf von Betriebsmitteln und Beratung, Agrando, erwartet das Gegenteil: Der Lösungsanbieter werde sich am Markt durchsetzen, „der sowohl die digitalen als auch analogen Vorteile des Agrarhandels am effizientesten miteinander verknüpft und dabei die vertrauensvolle Zusammenarbeit der Handelspartner stärkt“, teilt Bernwieser auf Anfrage der agrarzeitung (az) mit. Lars Lehmann, gemeinsam mit Jens Schmidt der Gründer und Geschäftsführer der digitalen Handelsplattform Agrimand, erwartet indes, dass die Internationalisierung der Agrarbranche bis 2046 „völlig neue Dimensionen“ angenommen hat, die Welt der Züchter, Händler und Produzenten „bunter“ geworden ist und sich neue Modelle in den Wertschöpfungsketten der Branche etabliert haben. Multichannel-Plattformen haben sich laut Lehmann bei den meisten Marktteilnehmern durchgesetzt. „Webshops eigener Handelshäuser gibt es nur noch vereinzelt und für ganz spezielle Produkte“, ist der Agrimand-Gründer überzeugt. Tobias Fallmeier, der gemeinsam mit Maximilian von Weichs das digitale Agrarhandels-Start-up Cropspot gegründet hat und führt, erwartet, dass in 25 Jahren die gesamte Prozesskette in der landwirtschaftlichen Urproduktion, vom vorgelagerten Bereich zur Auswahl und Beschaffung der Betriebsmittel bis zum nachgelagerten Bereich der Verwertung der Ernte, digitalisiert sein wird. Künstliche Intelligenz (KI) und Sensortechnik werden in den kommenden 25 Jahren dafür sorgen, dass sich die Systeme in der Land- und Agrarwirtschaft – die Lager- und Silostrukturen mit ihren Warenwirtschaften, die Logistiknetzwerke und die Disposition – „extrem vernetzen werden“, zeigt sich auch Agrando-Chef Bernwieser überzeugt. „Für den Landwirt, der schnell, effizient und langfristig wirtschaftlich arbeiten will, ist eine solche Verschränkung sogar notwendig. Sensortechnik kombiniert mit automatisierten, regional ausgerichteten Einkaufsprozessen bringt nicht nur Arbeitserleichterung für alle Seiten, es kann auch nachhaltiger für die Umwelt sein. Je genauer die Informationen über den Bedarf erhoben werden, desto besser können landwirtschaftliche Betriebsmittel auch eingesetzt werden“, betont Bernwieser.

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Vollautomatisch und vernetzt

Auch Lars Lehmann erwartet, dass sich am Markt völlig neue Kennzahlen etabliert haben werden, anhand derer sich zum Beispiel der Bedarf an Betriebsmitteln errechnet: „Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Saison und die Schließung von Versorgungsengpässen werden dabei entscheidend berücksichtigt“, meint der Agrimand-Chef. Handel, Industrie, Landwirte und Züchter werden ihre Warenverfügbarkeiten und Bestände automatisch an die digitalen Plattformen, die sich in Zukunft durchgesetzt haben, melden. Fallmeier schätzt die Entwicklung ähnlich ein: Die Auftragsgenerierung sei bereits heute schon automatisiert, sagt er. Sind die digitale Vermarktung von Getreide und der digitale Einkauf von Getreide bis 2046 also Status quo? „Jeder Landwirt und Händler wird mindestens einen Zugang zu einer Plattform haben“, erwartet Agrando-CEO Bernwieser. Dabei werden sich die Geschäftsbeziehungen flexibilisieren und vielfältiger gestalten: „Was beide, also Landwirte und Händler, brauchen, sind mehr Alternativen und mehr Freiheiten in der Entscheidung, mit wem sie wie zusammenarbeiten möchten. Diese Freiheiten werden sie ergreifen, indem sie digitale Möglichkeiten entdecken, ausprobieren und nutzen werden“, so Bernwieser weiter.

Ohne emotionale Bindungen

Lars Lehmann geht unterdessen davon aus, dass der stationäre Handel, wie er heute noch vorherrschend ist, im Jahr 2046 ein Nischendasein fristen wird: „Die wenigsten Landwirte erledigen die Beschaffung noch analog. Betriebsmittel wie beispielsweise Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel werden ohne emotionale Bindungen gehandelt und beschafft. Kontrakte werden frühzeitig digital geschlossen“, ist er überzeugt. „In den kommenden Jahren wird die vertikale Integration gerade großer Unternehmen weitergehen“, erwartet unterdessen Cropspot-Chef Fallmeier. Und weiter: „Im Jahr 2046 wird sich das Kerngeschäft des stationären Handels geändert haben. Der stationäre Handel dient dann nur noch zur Lagerung und dem Umschlag der digital gehandelten Waren.“ Deutlich gewichtiger skizziert Jonathan Bernwieser die Zukunft des stationären Handels: „Wir sind der Überzeugung, dass es den stationären Handel für eine starke Region braucht. In zwanzig Jahren wird es für Landwirte Usus sein, online zu recherchieren und per Fingertipp regional beim stationären Handel zu bestellen“, sagt er. An die neue Transparenz, die mit Plattformen einhergeht, werden sich beide Seiten gewöhnt haben: „Entscheidend wird nicht mehr so sehr der Preis sein, sondern die regional bezogene Produktberatung und das genaue Zusammenspiel der Produkte pro Maßnahme“, meint der Agrando-Gründer. Fallmeier erwartet, dass die Beratungsaktivitäten durch die stationären Händler auch in 25 Jahren noch nötig sein werden. Das Verhältnis zwischen digitaler Beschaffung von Betriebsmitteln und Getreide versus analoger in der Landwirtschaft gibt er mit „80 zu 20“ an.

Von Stefanie Pionke