Berufsbild im Wandel

Agrarbranche denkt in Systemen

Das größte Kapital der Landwirte sind der Boden und Daten. Die Bewirtschaftung der Flächen können andere übernehmen – zum Beispiel Roboter. Foto: IMAGO/Panthermedia

In 25 Jahren können Landwirte die komplette Bestandspflege auslagern an Dienstleister oder Roboter. Sie müssen vor allem Daten analysieren können, die beispielsweise Sensoren im Boden liefern. Smart-Farming-Lösungen werden die Studiengänge an den Agrarfakultäten prägen, erwarten Experten und Unternehmenslenker.

Nichts ist so beständig wie der Wandel“ soll der griechische Philosoph Heraklit gesagt haben. Das gilt auch für Landwirtschaft und Agrarbusiness, die oft als äußerst bodenständig beschrieben werden. „Das gesamte Berufsbild wird sich ändern, der Landwirt muss Geräte nicht mehr selbst fahren, nicht mal besitzen. Er besitzt den Boden, IT-Systeme für dessen Analyse und die Daten. Damit bestimmt er, was wann gemacht werden muss“, sagt Andreas Schweikert, Bereichsleiter Digitalisierung in der Landwirtschaft beim IT-Verband Bitkom. „Die Durchführung können auch Dienstleister übernehmen, etwa mit Schwärmen kleiner, autonomer, elektrischer Feldroboter für das Häckseln und Jäten.“ Dieses leicht futuristisch anmutende Szenario kann sich Schweikert in 25 Jahren als Realität vorstellen. So könnte sich der Strukturwandel in der Landwirtschaft fortsetzen – aber anders als in den letzten 25 Jahren. „Digitalisierung nutzt nicht nur großen, sondern auch kleinen Höfen“, glaubt Schweikert. „Software ist skalierbar, Maschinen sind es nicht. Kleine Höfe müssen weniger investieren.“ Schweikert sieht viele Chancen in der Digitalisierung. So müsste es beispielsweise die Debatte über die Nitratbelastung des Grundwassers überhaupt nicht geben, „hätten wir ein gutes Sensor-Netzwerk auf den deutschen Agrarflächen“.

Lebenslanges Lernen der IT Landwirte müssen auch künftig nicht unbedingt selbst programmieren können, brauchen aber Kompetenzen, um IT-Systeme und Daten sinnvoll zu nutzen. Auch Datensicherheit wird sehr wichtig werden, wenn Daten die Grundlage des Geschäftsmodells sind. Diese Punkte hält Schweikert für „Kernkompetenzen der Zukunft, die in der Agrarausbildung noch zu wenig berücksichtigt sind“. Man dürfe sich nicht darauf verlassen, dass künftige Landwirte als „Digital Natives“ diese Fähigkeiten mitbringen, sondern müsse sie aktiv vermitteln. Schweikert hält dies für eine wichtige Aufgabe für die Hochschulen und wünscht sich mehr Vernetzung mit der Praxis. „Den Hochschulen kommt eine Schlüsselrolle in der Weiterentwicklung zu, weil sie digitale Techniken und Daten validieren können. Aber Systementwicklung darf nicht losgelöst von den Unternehmen stattfinden. Und weil gerade die IT sich schnell entwickelt und Kenntnisse binnen zehn Jahren veraltet sind, wird lebenslanges Lernen und permanente Weiterbildung immer wichtiger.“ Reinhard Oerther und Hans-Jörg Friedrich sind der Vorstand der Pfalzmarkt-Genossenschaft, die 140 Erzeugerbetriebe bündelt. Der professionelle Obst- und Gemüseanbau stehe vor den großen Herausforderungen Klimawandel, wachsende Weltbevölkerung und sich weltweit verschärfender Wettbewerb um begrenzte natürliche Ressourcen. Deshalb seien schon heute nachhaltige und intelligente Konzepte gefragt. „Für den Anbau bedeutet dies, dass wir weiter auf einen verstärkten Einsatz neuer Technologien und Sorten setzen. Zukünftig wird der geschützte Anbau – im Folientunnel oder Gewächshaus – auch in der Pfalz an Bedeutung gewinnen. Eine effizientere und nachhaltige Nutzung der Ressource Boden, der Einsatz von Ernterobotern und Künstlicher Intelligenz (KI) wird von zahlreichen weiteren Querschnittstechnologien begleitet.“

In Systemen denken Professor Peter Pickel, am John Deere European Technology Innovation Center in Kaiserslautern für Zukunftstechnologien zuständig, verbindet Digitalisierung mit Nachhaltigkeit: „Der Trend geht zur nachhaltigeren und ökologischen Produktionsweise. Smart-Farming-Lösungen werden daher zukünftig das Studium und die Ausbildung in der Agrarwirtschaft prägen. IT-Themen, digitale Transformation, aber auch neuartige Produktionsmethoden werden die Lehrinhalte bestimmen.“ Deshalb würden in der Zukunft wohl etwas weniger Maschinenbauer in der Landmaschinentechnik gebraucht werden, dafür werde es aber mehr IT-, Elektro- und Automatisierungstechnik geben. „Vor allen Dingen muss die nächste Generation in Systemtechnik, in Systemen denken“, so Professor Pickel.

Gesamtes Kettenmanagement im Blick Auch Heribert Qualbrink, Einkaufsleiter Landwirtschaft der europäischen Genossenschaft Westfleisch, sieht in der Digitalisierung Potenzial für mehr Nachhaltigkeit: „Für eine ressourcenschonende Landbewirtschaftung wird es noch wichtiger werden, das gesamte Kettenmanagement im Blick zu haben, die natürlichen Prozesse zu optimieren und – unterstützt von Künstlicher Intelligenz – stabile Produktionsmodelle zu entwickeln. Dazu sind technische, mathematische und IT-Kenntnisse unerlässlich, um Künstliche Intelligenz möglichst gewinnbringend nutzen zu können.“ Aber die Zukunft wird auch neue Arbeitsformen bringen, darauf weist Dr. Dirk Köckler, Vorstandsvorsitzender der Agravis Raiffeisen AG, hin. Die Digitalisierung der Arbeitswelt verlange hohe Veränderungsbereitschaft, um erfolgreich in digitalen Strukturen unternehmerisch zu denken und zu handeln. So würden viele analoge Logistikfunktionen in digitale Prozesse überführt. Auch der Vertrieb werde sich weiter in Richtung digitale Kanäle verlagern, neue digitale Geschäftsmodelle kommen hinzu. Vor diesem Hintergrund seien Unternehmen nicht nur im Agrarhandel aufgefordert, ihre Beschäftigten mitzunehmen auf dem Weg in die neuen Arbeitswelten.

New-Work-Coaches gefragt „Daher werden New-Work-Coaches und Change-Begleiter künftig noch stärker gefragt sein als heute. Zugleich wird sich Führung den digitalen Strukturen anpassen müssen. Viele Anforderungen an künftige Ausbildungsinhalte ergeben sich aus den sich rasant ändernden Arbeitswelten: Remote Work und Remote Leadership, Vertrieb im virtuellen Raum, die Vermittlung von agilen Arbeitsmethoden, Ausbau von Change-Kompetenzen“, denkt Köckler. Auch bei der DMK Group (Deutsches Milchkontor) ist das Thema „New Work“ bereits präsent. Kollaboration, flexible Arbeitszeitmodelle oder die Förderung von Selbstbestimmung im Arbeitsleben werden als wesentliche Faktoren für die Arbeit der Zukunft und als wichtiges Mittel im Wettbewerb um Talente angesehen. Deshalb hat DMK im Rahmen eines Transformationsprozesses Maßnahmen identifiziert, um die Basis für ein agiles, zeitgemäßes und auf den Markt ausgerichtetes Arbeiten zu schaffen. „Corona war hier ein Katalysator und hat den Veränderungsprozess enorm beschleunigt. Gerade im Hinblick auf das Thema ‚Digitalisierung‘ mussten wir uns unternehmensweit sehr kurzfristig auf neue Arbeitsweisen einstellen. Wir haben gemerkt, dass auch diejenigen, die zunächst skeptisch auf digitale Meetings, Jahresauftaktveranstaltungen, Workshops und den Kontakt zu Kollegen per Webcam geblickt haben, durch die erfolgreiche Praxis schnell überzeugt waren“, sagt Oliver Bartelt, Global Head of Corporate Communications bei DMK.

Von: Martin Brust

Das sagen Agrarstudierende

Auffrischung der Lehrpläne erwünscht

Smart Farming zieht mehr und mehr in den beruflichen Alltag in den Ställen und auf den Feldern ein. Digitale Farm-Management-Systeme sollen Betriebsleitern und Betriebsleiterinnen die Arbeit erleichtern. Studierende an den Agrarfakultäten wünschen, dass die Universitäten künftig einen stärkeren Fokus auf diese neuen Technologien legen. Darüber hinaus wünschen sich die Fachkräfte von morgen, besser im Umgang mit Agrarrecht und einer kritischen Verbraucherschaft geschult zu werden.

Protokolle: Martin Brust; Fotos: privat

Bessere Vorbereitung auf technischer Ebene

„Mit meinem Studium der Agrarwissenschaften bin ich sehr zufrieden, es vermittelt breites Grundwissen über sehr viele Fachbereiche. Jedoch fühle ich mich auf der technischen Ebene nicht ausreichend vorbereitet auf das Berufsleben. Technisierung und Automatisierung haben sich schon längst in der Landwirtschaft etabliert und sind zukünftig unausweichlich. Um schon im Grundstudium besser mit der Digitalisierung in Kontakt zu kommen, wünsche ich mir einen besseren Einbezug heutiger technischer Standards, denn diese sind ein wichtiger Teil in der grünen Branche. Dazu gehört für mich auch, welche und wie Daten optimal gesammelt, ausgewertet und verwertet werden können. Zudem ist eine intensivere Einarbeitung in Systeme der elektronischen Datenverarbeitung wünschenswert, um persönlich für diesen immer wichtiger werdenden Bereich gerüstet zu sein.“

Christoph Middendorf, 6. Semester, Bachelor of Science Agrarwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Mehr internationales Wissen

„Im Studium der Agrarökonomie wurde großer Wert auf den interdisziplinären Austausch mit den Bereichen Umwelt und Ernährung gelegt. Davon habe ich sehr profitiert. Wie international die Agrarmärkte mittlerweile geworden sind, konnte ich im Studium aber nicht greifen. Um das Verständnis dafür aufzubauen, half mir mein Auslandspraktikum im südamerikanischen Exportgeschäft. Diese Chance hat nicht jede/r Studierende. Ich würde mir wünschen, dass im Studium noch stärker darauf eingegangen wird, warum einige Agrarprodukte in einigen Ländern vermehrt hergestellt werden und in anderen weniger. Mit diesem Wissen habe ich als Agrarökonomieabsolvent in dem internationalen Saatgutkonzern DSV einen klaren Vorteil für meinen Job.“

Martin Bruns, Master of Science Agrar- und Ressourcenökonomie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Product Manager Market Intelligence & License bei der DSV AG

Agrarrecht und Entrepreneurship stärken

Ganz explizit würde ich mir für die Agrarökonomie wünschen, schon im Studium die Gelegenheit zu haben, mehr mit Agrarsoftware zu arbeiten. Das würde beispielsweise zukünftigen Betriebsleitern sowie denen helfen, die gern in Richtung Beratung gehen möchten. Auch Agrarrecht sollte zumindest in Wahlmodulen auftauchen, da die rechtlichen Rahmenbedingungen und die gesamte Bürokratie der Branche nicht gerade unerheblich sind. Zudem wäre es interessant, vermehrt ins Entrepreneurship eingeführt zu werden. Es wäre schön, schon in den Hörsaalgebäuden zu erfahren, wie wir lernen, Marktchancen zu identifizieren und Geschäftsideen umzusetzen.“

Lisa-Marie Paul, Masterstudiengang Agrar- und Ressourcenökonomie an der Justus-Liebig-Universität Gießen

Interdisziplinäre Weiterentwicklung

„Ich finde es gut, wenn die universitäre Lehre in den Agrarwissenschaften interdisziplinär weiterentwickelt wird und flexible Studienprofile ermöglicht werden. Damit meine ich zum Beispiel die Grundlagenausbildung in der Informatik – losgelöst von Pflanze oder Tier. Datenbank und Datenstrukturen, Algorithmen und die Basics einer Programmiersprache wie Python sind aus meiner Sicht wesentliche Elemente. Diese Werkzeuge werden gebraucht, um komplexe Herausforderungen der Nahrungsmittelerzeugung mit Klima- und Umweltschutz zu bearbeiten und innovative Lösungen auf den Weg zu bringen.“

Sebastian Eichelsbacher, Masterstudent Agrarsystemwissenschaften an der Technischen Universität München

Kommunikation und PR in den Lehrplan

Nach meinem Berufseinstieg ist mir bewusst geworden, dass sich Verbraucher und landwirtschaftliche Erzeuger beide ein gegenseitiges Vertrauen wünschen. Trotzdem kommt es in der Kommunikation oft zu Missverständnissen. Deshalb würde ich mir im Studium mehr Inhalte zu Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit in der Praxis wünschen. Wenn wir diese Skills beherrschen, könnte es uns zukünftig besser gelingen, den Verbraucher mitzunehmen.“

Anna Farwick, Masterstudiengang Tierwissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Projektassistentin bei der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschland e.V.

Grundlagen der Informatik gefragt

„In meinem Agrarstudium hätte ich mir mehr Kurse zum Thema Digitalisierung in der Landwirtschaft gewünscht. Grundlagen der Informatik sowie Programmieren sind wichtige Kompetenzen für Absolventen*innen der Agrarwissenschaften besonders im Hinblick auf eine nachhaltige Landwirtschaft.“

Ida Anheier, Prozess- und Qualitätsmanagement in der Landwirtschaft und Gartenbau, Humboldt-Universität zu Berlin

Kommunikation und PR in den Lehrplan

„Klimawandel, der Verlust an Biodiversität, eine stark steigende Weltbevölkerung und die Abnahme der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche durch Versiegelung und Desertifikation erfordern eine Anpassung der landwirtschaftlichen Produktion. Viel Potenzial bietet Regenerative Agriculture als Bewirtschaftungssystem, das sich auf Steigerung und Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, Erhöhung der Biodiversität und Erhalt natürlicher Wasser- und Stoffkreisläufe fokussiert. Ziel dabei ist neben einer nachhaltigen Produktion durch nachhaltige Intensivierung unter anderem eine höhere Resilienz gegenüber Klimawandel und Wetterextremen. Darunter fallen Maßnahmen wie zum Beispiel Direktsaat, Agroforst, Holistic Management und Mischkulturen genauso wie Anbau von Zwischenfrüchten und Untersaaten. Bisher finden sich diese Maßnahmen nur vereinzelt in den Lehr- und Vorlesungsplänen. Bei der Ausrichtung der landwirtschaftlichen und agrarwissenschaftlichen Bildung sollte Regenerative Agriculture zukünftig eine deutliche größere Rolle spielen.“

Phillip Müller, Master of Science Nutzpflanzenwissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TH Köln