Smart Spraying lässt sich auch nachts erledigen, wenn die Windverhältnisse günstiger sind. Foto: BASF

Das Kamera-Auge selektiert vor

Intelligente Feldspritzen, die Unkraut erkennen und gezielt bekämpfen, sparen 75 Prozent an Pflanzenschutzmitteln

VON OLAF DEININGER

Herbizide lassen sich umfangreich einsparen, wenn sie nur noch auf die unerwünschten Pflanzen gespritzt werden. Die hierfür erforderliche Technologie ist weit entwickelt.

Thomas und sein Vater Sepp Müller, Inhaber des Lohnunternehmens Müller Pflanzenschutz aus Ruswil im Schweizer Kanton Luzern, waren mit ihrer Feldspritze nicht so ganz zufrieden. Dabei ist der Selbstfahrer des italienischen Herstellers Grim mit GPS-gesteuerter Einzeldüsenschaltung technologisch auf dem neuesten Stand. Ihre Idee: Kameras sollten das Unkraut erkennen und nicht flächendeckend, sondern direkt an Ort und Stelle bekämpfen. Damit sollte man doch Pflanzenschutzmittel sparen können. Und genauso war es. Im vergangenen Frühjahr montierten die beiden Lohnunternehmer sechs Kameras auf die Feldspritze, die den gesamten Arbeitsbereich abscannen. Gespritzt werden Herbizide aber nur noch punktuell – bei Fungiziden und Wachstumsreglern entscheidet der Zustand des Bestandes.

Technologie in der Breite verfügbar

Thomas Müller erklärt, dass mit der neuen Technik die Düsen mehr geschlossen als offen sind: „Damit werden beim Herbizideinsatz durchschnittliche Mitteleinsparungen von 60 bis 90 Prozent möglich“, sagt der Unternehmer. Das Beispiel der Müllers aus Ruswil zeigt, wie niederschwellig die digitale Technologie mittlerweile geworden ist: Eine künstliche Intelligenz mit Bildern von Unkraut oder Nutzpflanzen zu trainieren, sodass sie den Unterschied erkennen kann, ist inzwischen keine Raketenwissenschaft mehr. Das könnte einen wesentlichen Baustein zur Nachhaltigkeitswende in der Landwirtschaft liefern. Ähnliche Erfahrungen machen etwa auch Landtechnikunternehmen mit der Technologie, bei der Kameras optisch nach Unkraut fahnden, um die Pflanzen dann mit einem gezielten Strahl aus der Düse zu bekämpfen. Das Schweizer Start-up ecoRobotix entwickelt seit 2011 eine Lösung für eine kamerabasierte intelligente Feldspritze. Gründer Steve Tanner sagt, dass er einen Teil seiner Jugend damit verbracht habe, beim mühsamen Jäten der Zuckerrübenfelder auf dem Bauernhof seiner Eltern im Kanton Waadt zu helfen. Das prägt. 2016 produzierte ecoRobotix seine ersten Pilotmaschinen und erhielt hierfür finanzielle Förderungen. „Es wurden ein Dutzend Roboter in der Schweiz, in Frankreich, in den Niederlanden und in Belgien in der Praxis getestet“, erklärt Tanner. ecoRobotix sammelte eine beeindruckende Menge an Daten und Bildern in verschiedenen Kulturen, um seine Algorithmen zu trainieren. Im Juni 2019 erhielt ecoRobotix die B-Corp-Zertifizierung. Dieses internationale Zertifikat wird Unternehmen verliehen, welche die höchsten Standards in Bezug auf soziale und ökologische Leistung, rechtliche Verantwortung und öffentliche Transparenz erfüllen. Ende 2021 hat das Unternehmen 40 Mitarbeiter. In diesem Jahr will ecoRobotix seine Anbaufeldspritze namens ARA auch in Deutschland vermarkten. Ein autonomer Roboter mit Solarantrieb und austauschbaren Batterien ist gerade in der Entwicklung. „Er kann bis zu 10 Hektar pro Tag behandeln. Und dabei bis zu 95 Prozent weniger Produktmittel verwenden“, freut sich Tanner.

Große Hersteller ebenfalls dabei

Auch die großen Landtechnikhersteller bieten mittlerweile Lösungen: Im Frühjahr 2021 ging Amazone mit der Anhängefeldspritze UX 5201 SmartSprayer mit 36 Meter Arbeitsbreite in den Praxiseinsatz. Die Kameratechnologie von Bosch erkennt Unkräuter in Reihenkulturen und die sogenannte xarvio Agronomic Decisionmaking Engine (ADE) von BASF Digital Farming Solutions entscheidet über die Anwendung. Die Tests von Amazone zeigen: Auch hier lässt sich der Einsatz um 90 Prozent senken. Das maximale Einsparpotenzial werde bei Arbeitsgeschwindigkeiten von bis zu 12 Stundenkilometern erreicht. Das System bietet außerdem ein ganzheitliches Acker-Management: Mit welcher feldspezifischen Einstellung und mit welcher empfohlenen Herbizidmischung das SmartSpraying-System am besten eingesetzt wird, basiert dabei auf der erweiterten xarvio ADE von BASF. Dabei werden Parameter wie Anbaukultur, Unkrautspektrum, Wetterbedingungen automatisiert aus dem xarvio Field Manager integriert, analysiert und mit einer Empfehlung an das SmartSpraying-System übertragen.

Daten können mit Beratern des Landwirts geteilt werden

Vor einem Jahr führte auch der Hersteller John Deere unter dem Markennamen „See & Spray“ ein kamerabasiertes System für Sprühgeräte der Serien 400 und 600 ein. „Landwirte können damit ihren Herbizideinsatz um durchschnittlich 77 Prozent senken, indem sie nur Unkräuter auf brachliegenden Flächen anvisieren und besprühen“, erklärte ein Unternehmenssprecher. Hinzu kommt eine Management-Lösung, die Analysen und Optimierungen erlaubt: Die Daten werden auf dem John Deere Generation 4 Display gesammelt und über die JDLink-Verbindung an die John Deere Betriebszentrale übertragen, wo sie analysiert und mit den Beratern des Landwirts geteilt werden können.

Verfügbare Lösungen

See & Spray Select von John Deere für die 400- und 600- Serie

Eigenentwicklung. Die Daten werden auf dem John Deere Generation 4 Display gesammelt und über die JDLink-Verbindung an die John-Deere-Betriebszentrale übertragen, wo sie analysiert und sicher mit den Beratern des Landwirts geteilt werden können. Verkaufsstart in den USA war Herbst 2021. Wann die Lösung in Deutschland verfügbar ist, steht noch nicht fest.

ARA von ecoRobotix

Eigenentwicklung. Intelligente Präzisions-Feldspritze mit der Herbizide, Fungizide, Insektizide oder Düngemittel hochpräzise ausgebracht werden können.

Anhängefeldspritze UX 5201 SmartSprayer von Amazone

Integrierte Lösung bzw. digitales Öko-System, das auch Aspekte von Feld-Management abbildet. Kameratechnologie von Bosch erkennt Unkräuter in Reihenkulturen und die so genannte Xarvio Agronomic Decisionmaking Engine (ADE) von BASF Digital Farming Solutions entscheidet über die Anwendung.

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