Pflanzenbauhinweise

Winterweizen

Winterweizen – Von nun an keine Kompromisse mehr!

Gerrit Hogrefe, N.U. Agrar GmbH

Der Weizen steht unter Druck. Absatzseitig gehen die Veränderungen in den Ernährungsgewohnheiten zu Lasten des Brotweizens und begünstigen den Anbau von Dinkel, Emmer und Co. Der Futterweizenbedarf wird nach Ausbruch der ASP mittelfristig ebenfalls rückläufig tendieren. Ertragsseitig werden die Fortschritte in Züchtung und Produktionstechnik bereits seit vielen Jahren durch klimatische Veränderungen und politische Restriktionen nivelliert. Der Weizen kann also kaum einen Beitrag zum Ausgleich der gestiegenen Allgemein- und Flächenkosten liefern.

Ausgangssituation für 2021

Nach zwei schwachen Jahren konnten in der Ernte 2020 zwar wieder ansprechende Erträge erreicht werden, die Qualitäten ließen aber überregional zu wünschen übrig. Grund für die oft knappen Proteingehalte war jedoch nicht – wie vielfach vermutet – die reduzierte N-Düngung, sondern vielmehr die vergleichsweise schwache Strahlung im „Kornfüllungsmonat“ Juni. Lediglich auf sehr leichten Standorten, die aufgrund geringer Ertragserwartung sehr zurückhaltend gedüngt wurden, haben sich Verdünnungseffekte eingestellt. Dort überstieg aber meist die Freude über die unerwartet hohen Erträge, die Tatsache, dass es größtenteils nur zu Futterweizen gereicht hatte.

Erfolgsmodell früher Blattfruchtweizen

Einen gewichtigen Anteil an der Ertragsstagnation im Weizen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben Standortwahl und Fruchtfolgestellung. Da alternative Getreidearten oftmals wirtschaftlich noch schlechtere Aussichten boten, hat der Weizen auch die Grenzstandorte erobert – mit erwartungsgemäß schwachen Durchschnittserträgen. Auf den Gunststandorten hat der Weizen häufig 2/3 der Fruchtfolge besetzt – nur unterbrochen durch die regional vorzügliche Blattfrucht (Raps, Rübe, Mais). Die geringen Erträge und das höhere Anbaurisiko des Stoppelweizens wurden in diesen Systemen billigend in Kauf genommen.

Mit den zunehmenden Hitzeperioden fielen aber nicht nur die meist schwächer bewurzelten und höher mit Halmbasiskrankheiten belasteten Stoppelweizen stärker ab. Auch die spät gesäten Blattfruchtweizen kamen unter die Räder – mit teils dramatischen Ertragseinbrüchen, vor allem im Osten.

Hohe und stabile Erträge werden am sichersten durch gesunde und stark bewurzelte Pflanzen erreicht. Weizen braucht deshalb aus Fruchtfolgegesichtspunkten die „Pole-Position“, gänzlich ohne phytosanitären Ballast und vorfruchtbedingte Saatzeitverzögerung. Besonders geeignete Vorfrüchte sind Raps und Leguminosen aber auch früh geräumter Silomais oder Hafer. Stoppelweizen sowie späte Rüben- und Körnermaisweizen sollten mit Ausnahme besonders begünstigter Lagen im Süden und Südwesten der Vergangenheit angehören. Hier gilt es das Fruchtfolgesystem in Gänze zu überdenken und zu optimieren.

Betriebe, die bereits frühzeitig tiefgreifende Fruchtfolge­um­ stellungen vollzogen haben, profitierten in den Extremjahren von dieser wichtigen Weichenstellung.

Wie wirkt sich die neue DüV auf den Weizen aus?

Die gute Nachricht zuerst Auch im Rahmen der Vorgaben der neuen Düngeverordnung (DüV) lässt sich unter mitteleuropäischen Bedingungen Qualitätsweizen erzeugen. Das gilt unter bestimmten Voraussetzungen selbst für die mit 20 % N-Abschlag belegten „Roten Gebiete“.

Wieviel Stickstoff braucht der Weizen?

Der N-Bedarf des Winterweizens setzt sich zusammen aus:

  1. dem N-Entzug des Korns,
  2. dem N-Gehalt von Stroh und Wurzel,
  3. und dem „Residual-N“, der nicht aus dem Boden aufgenommen werden kann.

Der Entzug mit dem Korn ergibt sich aus Ertrag und Proteingehalt. Überschlägig kann durch die Multiplikation des Ertrages mit einem „Proteinfaktor“ der N-Entzug ermittelt werden.

Ein A-Weizen mit einem Ertrag von 80 dt/ha entzieht ca. 160 kg/ha N. Im Stroh „stecken“ überschlägig 25 kg N (50 dt Stroh x 0,5 % N im Stroh). Für den Aufbau von Stoppel und Wurzel werden ca. 20-30 kg N benötigt. Der Bedarf der Pflanze beläuft sich demnach auf 210 kg/ha N. Hinzu kommt der „Bodenzuschlag“ (=Residual-N), der in Abhängig-keit der Bodenart zwischen 30 und 70 kg/ha N betragen kann. Für einen milden Lehmboden sind 50 kg/ha N anzusetzen, sodass sich der N-Gesamtbedarf auf 260 kg/ha N summiert.

Diese Summe muss durch den zu Beginn der Vegetationsperiode bereits mineralisierten N (Nmin), den während der Vegetation mobilisierten N (Nmob) sowie die organische bzw. mineralische Düngung zur Kultur bereitgestellt werden.


Standorteigenschaften mit großem Einfluss Dabei spielt der Nmob des jeweiligen Standortes und dessen be-triebsindividuelle Ausnutzung eine entscheidende Rolle für die Erreichung hoher Erträge bei gleichzeitig hohen Proteingehalten. Denn auf tiefgründigen, humosen Standorten mit langjähriger organischer Düngung und nachlieferungsstarker Vorfrucht (Raps, Le-guminosen) kann sich der zu Weizen mobilisierte Stickstoff schnell auf 100 kg/ha N und mehr belaufen.

Flachgründige, mineralische Standorte ohne Organik und mit Getreide- oder Maisvorfrucht stellen dem nachfolgenden Weizen weniger als 30 kg/ha N als Nmob zur Verfügung. Der durch Düngung zu erbringende Anteil wächst dementsprechend stark an. Sind dann noch 20 % N-Abschlag zu verkraften, wird es eng mit einer bedarfs-gerechten Ernährung des Pflanzenbestandes.

Mineralisationsbedingungen sind Zünglein an der Waage Letztlich gilt es also unabhängig vom Standort die Bedingung für die Mineralisierung des Stickstoffs aus Bodenhumus, organischer Düngung und Ernterückständen der Vorfrucht so optimal wie möglich zu gestalten. Der geschaffenen Bodenstruktur kommt deshalb eine besondere Bedeutung bei der Bewältigung der mit der DüV entstandenen Herausforderungen zu.

Tendenziell wird die Intensität der Bodenbearbeitung daher zunehmen müssen. Auch der Pflugeinsatz wird wieder stärker Einzug in den ackerbaulichen Alltag finden. Dies gilt vor allem vor dem Hin-tergrund der immer häufiger ausbleibenden Frostgare, die vormals Strukturschäden „repariert“ hat.

Stoppelweizen hat ausgedient Die Vorfrucht hat erheblichen Einfluss auf die Nachlieferungsleistung. So werden von Leguminosen (bis zu 100 kg/ha N) oder Raps (50-70 kg/ha N) hohe Mengen Stickstoff im Folgejahr freigesetzt – weitaus mehr als die Düngeverordnung bei der Berechnung des Bedarfs der Folgekultur in Abzug gebracht haben will (10 kg/ha N). Bei Getreide als Vorfrucht müssen keine Abschläge gemacht werden, die Nachlieferung beträgt aber auch nur 10-20 kg/ha N im Folgejahr. In der Konsequenz übervorteilt die DüV in der Berechnung die nachlieferungsstarken Vorfrüchte, Stoppelweizen ist damit ein Auslaufmodell – erst recht, wenn in roten Gebieten Brotweizen produziert werden soll.


Ausblick

Die Vorgaben der DüV werden den Weizenanbau zweifelsohne ver-ändern. Fuß- und wurzelkranke Stoppelweizen oder spät und nass bestellte Zuckerrübenweizen können wir uns zukünftig nicht mehr leisten. Denn für „Reparatur-N“ ist zukünftig kein Platz mehr in der Bilanz. Es bedarf also umfangreicher Anpassungen im Fruchtfolge-und Anbauplan, um wieder optimale Voraussetzungen für den Weizen zu schaffen. Dann sollte das hohe Ertragspotential, das viele aktuelle Sorten in diesem Jahr bereits angedeutet haben, auch wieder in einem langfristigen Anstieg der Durchschnittserträge münden.

Standortabhängige N-Düngung in Winterweizen

Die gewählten Beispielstandorte erreichen alle ein sehr hohes Ertragsniveau. Bei den gegebenen Blattfrüchten als Vorfrucht, intakter Bodenstruktur und standortangepasstem Saattermin können die Vorgaben der Düngeverordnung problemlos eingehalten werden.

VERMARKTUNG

Kleines Angebot stabilisiert die Weizenpreise

Landwirte wollen im Herbst 2020 wieder mehr Weizen aussäen. Die Regenfälle Ende September schaffen dazu beste Voraussetzungen.