Pflanzenbauhinweise

Wintergerste

Wintergerste – Unverschuldet in Bedrängnis

Gerrit Hogrefe, N.U. Agrar GmbH

Die Wintergerste droht zur Leidtragenden der Pandemien zu werden. Da sie fast ausschließlich im Futtertrog landet, werden die ASP-bedingten Verwerfungen zumindest dem Inlandsabsatz schaden. Im Spezialsegment Braugerste sind die abgesagten Großveranstaltungen und leeren Stadien infolge der Covid-19-Beschränkungen schon seit geraumer Zeit preisbestimmend.

Trotz der negativen Vorzeichen ist die Gerste aber pflanzenbaulich und betriebsorganisatorisch aus vielen Betrieben kaum wegzudenken. Sei es als vorzügliche Vorfrucht zu Raps, zur Brechung der Arbeitsspitzen oder als innerbetriebliches Risikosplittinginstrument. Denn bei einsetzender Frühsommerhitze, hat die Gerste oft schon ausreichend umgelagert und bringt akzeptable Erträge, während Roggen und Weizen unter die Räder kommen.

Ausgangssituation für 2021

Ihre schnelle Entwicklung und frühe Reife hat sich allerdings im abgelaufenen Jahr als Nachteil erwiesen. Späte Fröste schädigten besonders frühe Gerstensorten. Großflächige Laternenblütigkeit war die Folge. In Thüringen und Franken mussten zahlreiche Flächen gehäckselt werden, nachdem kaum Einkörnung stattfand. Betroffene Sorten werden deutlich Marktanteile verlieren, den Gerstenanbau generell stellt es aber nicht infrage.

Kurzfristig gilt es die sich in diesem Jahr anbahnende Viruskalamität zu unterbinden und konsequent gegen Vektoren vorzugehen. Der Anstieg der Temperaturen und die daraus resultierende längere Herbstvegetation wird das Virusthema dauerhaft auf die Agenda setzen. Mit dem Wirkstoff Flonicamid steht glücklicherweise nun auch eine wirksame Alternative zu den Pyrethroiden im Herbst zur Verfügung.

Doch die große Herausforderung wartet erst im kommenden Frühjahr auf die Anbauer: Wie Ramularia kontrollieren? Nach dem Aus für Chlorthalonil fehlt der mit Abstand stärkste Wirkstoff zur Kontrolle dieser spät auftretenden Krankheit. Alternativen wurden in den letzten Jahren erprobt und bringen in der Spitze bedauerlicherweise nicht mehr als 70 % Wirkungsgrad. Das wird in Regionen mit zu erwartendem Starkbefall nicht ausreichen, um einen ertragswirksamen Ausbruch der Krankheit zu vermeiden.

Wie wirkt sich die neue DüV auf die Gerste aus?

Gerste kann bei trockener Aussaat und „barrierefreiem“ Boden zügig die Krume durchwurzeln und ggf. den Unterboden erschließen. So-bald aber Probleme in der Bodenstruktur bestehen oder Abstriche bei der Aussaatqualität gemacht wurden, zeigt es die Gerste als Erste. Das sensible Wurzelwerk tut sich dann besonders schwer.

In der Folge ist die Nährstoffaufnahme eingeschränkt, was sich spätestens ab dem 3-Blatt-Stadium offenbart, wenn die Reserven des Saatkorns aufgebraucht sind und die Pflanze auf Wurzelernährung „umstellt“. Unter diesen Bedingungen zeigen Kontakt- oder Unterfußdüngung mit NP-Düngern bei der Aussaat große Wirkung. Gedüngte Bestände sind deutlich vitaler, wenngleich sich die visuellen Effekte nicht immer ertraglich niederschlagen.

Die Einschränkungen der Herbstdüngung sowie die hohe Anforderung an die Nährstoffeffizienz, die durch die DüV formuliert werden, sind für die Gerste zunächst einmal nachteilig.

Weiterhin kann die Gerste aufgrund ihres kurzen Zyklus nur bedingt von der Stickstoffmineralisation aus dem Boden profitieren und ist von allen Getreidearten am stärksten von einer frühen Düngung abhängig. Die Einsparpotentiale bei der N-Düngung sind deshalb sehr überschaubar.

Wieviel Stickstoff braucht die Gerste?

Der N-Bedarf der Gerste setzt sich zusammen aus:

  1. dem N-Entzug des Korns,
  2. dem N-Gehalt von Stroh und Wurzel,
  3. und dem „Residual-N“, der nicht aus dem Boden entzogen werden kann.

Wintergerste entzieht über das vom Acker exportierte Korn ca. 170 kg/ha N bei einem Ertrag von 100 dt/ha. Stroh, Stoppel und Wurzel enthalten weitere 50 kg/ha N. Der Residual-N auf dem Beispielstandort (sL, 60 BP) beläuft sich auf rund 50 kg/ha N.

Die Gerste wird Opfer ihrer Fruchtfolgestellung. Denn ein Großteil der Gerste wird bekanntlich als Stoppelgetreide meist nach Weizen angebaut. In Jahren mit rechtzeitiger Ernte kann auch nach Silomais Gerste stehen, um dem Fusarium-Risiko im Weizen zu entgehen und eine frühräumende Vorfrucht vor Raps zu realisieren.

Beide Vorfrüchte zeichnen sich durch ein geringes Nachlieferungspotential aus und erhöhen damit den Düngebedarf der Gerste. Selbst unter optimalen Bedingungen wird es für die Gerste damit schwer unter den Bedingungen der DüV zu bestehen.

Kann wie nach Raps mit einer höheren Nachlieferung aus der Vorfrucht kalkuliert werden, ist die Höhe der erlaubten N-Düngung nicht mehr ertragsbegrenzend. Gerste kommt nur leider selten in den Genuss dieser vorzüglichen Vorfruchtkonstellationen. Aber: Auch mit bester Vorfrucht bedeutet ein zusätzlicher 20 %-N-Abschlag in „Roten Gebieten“ empfindliche Ertragseinbußen für die Gerste. Können statt der pflanzenbaulich notwendigen 150 kg/ha N nur noch knapp 120 kg/ha N gedüngt werden, fällt das Ertragsniveau um knapp 20 dt/ha ab.

Ausblick

Die Wintergerste büßt mit der neuen DüV zusätzlich Anbauwürdigkeit ein. Abzuwarten bleibt vorerst wie stark die Lücken im Pflanzenschutz auf die Ertragssituation durchschlagen. Regional ist aber wohl mit einem Verschwinden der Gerste aufgrund der Unkontrollierbarkeit von Ramularia zu rechnen. Auf den übrigen Standorten wird sie ihren fes-ten Platz in den Fruchtfolgen behaupten, wenngleich nicht unbedingt aus eigener Kraft, sondern weil die möglichen Alternativen frühreifer Stoppelweizen oder Erbsen ebenfalls keine „Top-Performer“ sind.

Standortabhängige N-Düngung in Wintergeste

Die schnell erwärmenden Standorte (Franken, Westfalen) haben weniger Schwierigkeiten die Vorgaben der DüV einzuhalten als Küstenstandorte oder Höhenlagen, die aufgrund ihrer späten Erwärmung eine signifikante N-Mineralisation erst zum Ende des Gerstenzyklus oder gar erst danach auslösen.

VERMARKTUNG

Kleines Angebot stabilisiert die Weizenpreise

Global fällt die Gerstenernte in diesem Jahr voraussichtlich noch einmal größer aus als im Wirtschaftsjahr 2018/19. In Deutschland dagegen ist 2020 sowohl die Fläche als auch die Produktion gesunken.